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Verfahren zur Herstellung eines Anginaserums Nach Entdeckung des Diphtherietoxins
und nach Herstellung von antitoxischen Seren, welche durch Injektion des Diphtherietoxins
bei großen Tieren gewonnen werden, hat die Diphtherieinfektion zum größten Teil
ihre schrecklichen Folgen verloren. Es hat sich jedoch gezeigt, daß trotz Injektion
von Diphtherietoxin eine Reihe von Fällen, bei denen die Diagnose Diphtherie auf
Grund bakteriologischer Untersuchungen festgestellt wurde, tödlich verlaufen ist.
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Es ist nun der Nachweis gelungen, daß es eine Reihe von Erkrankungen
gibt, die einerseits klinisch der Diphtherie vollkommen gleichen können, bei denen
man jedoch Mikroorganismen findet, die morphologisch und nach den bis jetzt bekannten
kulturellen Merkmalen ganz genau dem Diphtheriebazillus gleichen. Bisher wurde bei
Anwesenheit solcher Mikroorganismen stets die Diagnose Diphtherie gestellt, obwohl
es sich keineswegs um wirkliche Diphtherie handelte.
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Wie weiter unten. ausgeführt, können die genannten Mikroorganismen,
welche morphologisch und kulturell dem wirklichen Diphtheriebazillus vollkommen
gleichen, von diesem getrennt werden. Als bestes Differenzierungsmaterial hat sich
das Serum von Kühen, die während des Sommers auf Weide waren, erwiesen. Dieses Serum
enthält einen gelben, vermutlich zur Carotingruppe gehörigen Farbstoff und zahlreiche
Eiweißlipoidverbindungen. Verarbeitet man dieses Serum zu festen oder flüssigen
Nährböden, so kann man mit diesen drei vollkommen verschiedene, zur Diphtheriegruppe
gehörige Keime trennen, welche alle drei Katarrhe, Schnupfen, Halsentzündungen und
diphtherieähnliche Krankheitsbilder verursachen können. Es handelt sich erstens
um den bekannten echten Diphtheriebazillus, zweitens um den als Scharlachbazillus
(Bakterium scarlatinae) bezeichneten Mikroorganismus und drittens um einen neuen,
bisher nicht beschriebenen Keim, der ebenfalls zur Diphtheriegruppe gehört und in
der Folge als Corynebakterium filiforme anginae bezeichnet sein soll. Charakteristisch
für diese drei Mikroorganismen sind folgende Wachstumseigentümlichkeiten.
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Drei Teile von dem obenerwähnten, in Sommermonaten gewonnenen Weidekuhserum
werden mit einem Teil Traubenzuckerbouillon vermischt, in Petrischalen ausgegossen
und bei 8o° erstarren gelassen. Auf diesen Nährböden wachsen alle drei genannten
Mikroorganismen in gelben Kolonien. Die gelbe Farbe ist dadurch bedingt, daß alle
drei den Farbstoff, der sich in dem Serum befindet, elektiv an sich reißen. Mikroskopiert
man eine geringe Menge von einer echten, wirklichen, auf diesen Platten gewachsenen
Diphtheriebazillenkultur im hängenden Tropfen, so findet man das ganze Gesichtsfeld
mit
Diphtheriebazillenleibern übersät. Die dazwischenliegende Flüssigkeit
zeigt keinerlei auffallende Gebilde.
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Verfährt man mit einer Spur einer Scharlachbazillenkultur in gleicher
Weise, so findet man neben den Bazillenleibern eine ungeheure Menge großer Gebilde
von Scheiben-, Bretzel- und Schlingenform, die stark lichtbrechend sind und eine
deutliche Schichtzeichnung erkennen lassen. Diese Gebilde sind Myelintropfen.
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Eine Spur von der Kolonie der dritten Art in ebenderselben Weise untersucht,
läßt neben den Bazillenleibern feinste und gröbere, gelb gefärbte Kügelchen erkennen.
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Wenn man das Serum von Kühen, welche während der Sommermonate auf
der Weide waren, erst in den Monaten November oder Dezember gewinnt und dieses Serum
zu Platten verarbeitet, so erhält man einen Nährboden, auf dem sich die drei Arten
obengenannter Mikroorganismen wiederum unterscheiden lassen. Auf einem solchen Nährboden
wachsen die echten Diphtheriebazillen in gelben Kolonien, während die Scharlachbazillen
den gelben Farbstoff nicht mehr aufnehmen und grauweiß wachsen. Außerdem finden
sich bei diesen, im hängenden Tropfen mikroskopisch untersucht, dann nur noch sehr
wenige Myelintropfen, dagegen zahlreiche Cholesterinkristalle und Fettsäurenadeln.
Das Corynebakterium filiforme dagegen wächst ebenfalls noch in gelben Kolonien,
zeigt jedoch keine gelbe Fetttrop.fenbildung mehr.
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Einen Nährboden, mit Hilfe dessen man diese drei Arten von Mikroorganismen
unterscheiden kann, erhält man ferner noch auf folgende Weise: Im Sommer gewonnenes
Serum von Weidekühen wird je 4. Tage hintereinander bei 56°C 6 Stunden lang gehalten.
Das auf diese Weise sterilisierte Serum wird in Glasgefäßen im Eisschrank mehrere
Monate aufbewahrt. Nach dieser Zeit erscheint das Serum noch vollkommen goldgelb.
Wenn nun dieses Serum nach dieser Zeit in der oben beschriebenen Weise zu Platten
verarbeitet wird, so erscheint diese Platte nicht mehr in -gelber, sondern in weißer
Farbe. Auf den Platten wächst nun der echte Diphtheriebazillus gelb, der Scharlachbazillus
unter Bildung von Myelin- und Cholesterinkristallen grauweiß. Die dritte Art (Corynebakterium
filiforme) zeigt ebenso ein grauweißes Wachstum, jedoch ohne Bildung von Kristallformen.
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Die drei Mikroorganismen lassen sich weiterhin noch dadurch unterscheiden,
daß man steriles Weidekuhserum mit den gleichen Teilen Bouillon vermischt und in
Reagenzröhrchen in einer Menge von 5 bis zo ccm abfüllt. In den Röhrchen wachsen
nun die echten Diphtheriebazillen so, daß sie das Nährmedium gleichmäßig trüben,
wobei der Bodensatz gering und von grauweißer Farbe ist. Die Scharlachbazillen dagegen
wachsen in großen Flocken. Der Bodensatz ist hierbei stark und zeigt gelbe Farbe.
Das Corynebakterium filiforme wächst in diesem Nährmedium wie der echte Diphtheriebazillus.
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Das Bakterium filiforme unterscheidet sich sowohl von dem echten Diphtheriebazillus
wie auch von dem Scharlachbazillus dadurch, daß es niemals selbst auf den besten
Nährböden Toxine bildet. Es ist morphologisch von diesen beiden Mikroorganismen
dadurch zu trennen, daß es im Ausstrichpräparat mit Methylenblau gefärbt, eine ganz
andere Gestalt zeigt, wie die beiden Mikroorganismen. Es ist lang, fadenförmig,
leicht gekrümmt, an beiden Enden etwas zugespitzt und zeigt, nach N e i B e r .gefärbt,
an beiden Enden Polkörperchen.
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Um die drei Arten von Mikroorganismen zu differenzieren, ist es nötig,
daß man sie erst in Reinkulturen züchtet. Es ist offensichtlich, daß bis dahin zu
viel kostbare Zeit verlorengehen würde,' um gegebenenfalls durch Injektion eines
spezifischen Serums die Krankheit im günstigsten Sinn zu beeinflussen. Denn die
Injektion von Diphtherieheilserum wirkt nur gegen die durch den echten Diphtheriebazillus
hervorgerufene Erkrankung. Die anderen unter dem Einfluß des Scharlachbazillus und
des Bazillus filiforme hervorgerufene Erkrankungen werden durch das Diphtherieserum
nicht beeinflußt, denn es kann ein Mensch, der eine echte Diphtherieerkrankung durchgemacht
hat, sich eine Infektion mit j e einem der beiden anderen Mikroorganismen zuziehen,
und umgekehrt können Menschen, die sich früher mit dem Scharlachbazillus oder mit
dem Corynebakterium filiforme infiziert hatten, an Diphtherie erkranken.
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Da es nun unmöglich. ist, die Krankheiten klinisch zu differenzieren
und da die bakteriologische Differenzierung dieser drei Mikroorganisrnen viel zu
lange Zeit erfordert, so muß, um in jedem Fall den betreffenden Patienten wirksames
Serum zuführen zu können, ein neues Serum gewonnen werden, welches Antikörper gegen
alle drei der obengenannten Mikroorganismen oder deren Stoffwechselprodukte enthält.
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Da es weiterhin bei der Infektion mit einem der drei obengenannten
Mikroorganismen stets zu einer Sekundärinfektion mit Streptokokken kommt, so ist
es von Vorteil, wenn das Serum außer den Antikörpern gegen die drei zur Diphtheriegruppe
gehörigen Mikroorganismen noch Antikörper bekannter Art
gegen die
haemolytischen Streptokokken und deren Stoffwechselprodukte in genügender Menge
enthält.
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Gegenstand vorliegender Erfindung ist ein Verfahren zur Herstellung
eines Anginaserums, bei welchem man als Ausgangsstoffe erfindungsgemäß neben dem
Diphtheriebazillus und vorteilhaft auch den Streptokokken, die «,eiteren, der Diphtheriegruppe
angehörigen Corynebakterien: Bäkterium scarlatinae und Bakterium filiforme samt
den Stoffwechselprodukten aller dieser Bazillen verwendet, hiermit in bekannter
Weise größere Tiere injiziert. und das Serum in üblicher Weise von diesen gewinnt.
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Zu diesem Zwecke.immunisiert man beispielsweise ein Pferd mit dem
Diphtheriebazillus und dessen Stoffwechselprodukten in steigenden Mengen so lange,
bis der gewünschte Gehalt an Antikörpern erreicht wird, ein zweites Pferd mit dem
Scharlachbazillus und dessen Stoffwechselprodukten, ein drittes Pferd mit dem Bakterium
filiforme und dessen Stoffwechselprodukten, ein viertes Pferd mit haemolytischen
Streptökokken und deren Stoffwechselprodukten in gleicher Weise. Die in bekannter
Weise gewonnenen Seren werden sodann vermischt.
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Man kann auch in der Weise verfahren, daß die vier genannten Mikroorganismen
auf festen oder flüssigen Nährböden in Reinkulturen gezüchtet, die Reinkulturen
gesondert in zeitlichen Abständen einem Pferde einverleibt werden und in bekannter
Weise das Serum dieses Pferdes gewonnen wird. Hierbei können auch nach Mischung
der Reinkulturen diese zusammen dein Pferd eingespritzt werden,-wobei sofort ein
hochwertiges Serum entsteht. Schließlich kann man das Verfahren noch in der Weise
abändern, daß man zwei, drei oder vier der ob.engenannten verschiedenen Mikroorganismen
gemeinschaftlich auf flüssigen Nährböden wachsen läßt und diese Mischkulturen einem
Pferde in steigender Menge injiziert.
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Der Diphtheriebazillus, die Streptokokken und auch der Scharlachbazillus
(Bakterium scarlatinae) sind, wie bereits erwähnt, bekannt.
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Man hat diese Stoffe aber noch niemals weder einzeln, noch in Verbindung
miteinander und mit dem - vollkommen neuen Bakterium filiforme als Ausgangsstoff
zur Herstellung eines Angimaserums verwendet.