DE26463C - Mit einer Trense verbundene Kandare - Google Patents
Mit einer Trense verbundene KandareInfo
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Description
KAISERLICHES
PATENTAMT
KLASSE 56: Pferdegeschirr.
I. Beschreibung der neuen Kandaren- und Trensen - Construction nebst zugehörigen
Theilen.
i. Die Kandare, Fig. 1, 2, 7, 8 und 9, ist
am oberen Ende der oberen Kandarenbalken b b statt mit den bisher üblichen Oesen mit offenen
Kandarenhaken α β, Fig. 1, 1 a, ibund 2, versehen
, welche etwas nach aufsen geschweift und mit den Gegenverstärkungen c ! cs versehen
sind, um nach Schliefsung des Kinnriemens K, Fig. 8 und 9, in den Oesen α α der Trageschaken
B und C, Fig. 3a, 3b, 4a und 4b, dergestalt festgehalten zu werden, dafs ein freiwilliges
Lösen aus denselben nicht möglich wird.
Unmittelbar unterhalb der Kandarenhaken sind an der inneren Seite beider Balken Verstärkungen
c c, Fig. ι a und 1 b, von halbrundem
Querschnitt angebracht, welche sich mit ihren vorderen gebogenen Flächen gegen die hinten
gerade abgeschnittenen Flächen der Trageschakenösen α α, Fig. 3 b, 4 b und 7, legen und
hier den Angriffspunkt für die oberen Kandarenbalken fixiren.
Diese oberen Kandarenbalken b b sind cylindrisch,
um die Führung des auf sie aufgeschobenen und auf ihnen sich auf- und abbewegenden
Trensengebisses D, Fig. 7, zu erleichtern. Ihr unteres Ende ist auf 5 mm Höhe 'oval verstärkt,
um den Oesen des Trensengebisses dergestalt als Ruhepunkt zu dienen, dafs das Gelenk
derselben im Pferdemaul gerade auf der Zungenfreiheit des Stangengebisses ruht.
Damit das Trensengebifs, sobald es zur Wirksamkeit gebracht wird, sofort den richtigen Ort
im Pferdemaul einnimmt, stehen die oberen Kandarenbalken nicht senkrecht auf dem Stangengebifs
d, Fig. 2, sondern sind mit dem oberen Ende um 12 mm von der Senkrechten zurückgezogen
und da, wo das Hinaufgleiten des Trensengebisses begrenzt werden soll, mit den Kloben ff versehen. Letztere sind zugleich
durchlocht, um für die eventuelle Anwendung der Kinnkette die Kinnkettenhaken aufzunehmen.
Diese sind hier zum Herausnehmen eingerichtet, können aber, wo die stete Anwendung der
Kinnkette beabsichtigt wird, einfach zugekniffen und dadurch vor freiwilligem Lösen ganz bewahrt
werden.
. Die übrigen Einrichtungen der Kandare, die Form der unteren Balken, als welche in den
Zeichnungen die sogenannte S-Kandare gewählt ist, die Abmessungen etc. sind für die in Rede
stehende neu erfundene Construction entweder von keiner oder nur von nebensächlicher Bedeutung.
2. Die Trageschaken B und C, Fig. 3 a, 3 b, 4a, 4b und 7, sollen die Backenstücke, den
Nasen- und Kinnriemen der Halfter zweckmäfsig verbinden, in ihren Oesen α α die Kandarenhaken
aufnehmen und während des Reitens dergestalt festhalten, dafs dieselben nur in verticaler
Richtung so weit drehbar sind, als dies die Auseinanderstellung der Verstärkungen c c
und der Gegenversrärkungen cΛ c1 bis zu deren
Anstofsen an die hintere bezw. vordere Oesenfläche gestattet.
Durch die Riegel c und d sind die Trageschaken (s. Fig. 3 a) in drei Abtheilungen getheilt.
Die oberste dient zum Durchziehen des bezw. Backenstiickes der Halfter, Fig. 7, 8
und 9, dem sie behufs festeren Sitzes nur ein Minimum von Spielraum gewährt. An dem
vorderen Stege e der mittleren Abtheilung, Fig. 3 a, wird der Nasenriemen und an dem
hinteren Steg / der untersten der Kinnriemen befestigt.
Die sanfte Biegung in der Gegend des Riegels c hat den Zweck, die Schake der Gestalt
der. Pferdebacken besser anzupassen. Eben dazu dient die sanfte Rundung des unteren
Theiles vom Riegel c bis b, Fig. 3 b und 4 b.
Die Oese α sitzt am vorderen Stege f und
zugleich an und oberhalb des unteren Ringels b fest, damit ihre hintere Fläche, welche den
Verstärkungen cc der oberen Kandarenbalken als Stützpunkt dient, möglichst in Verlängerung
des sie fixirenden Kinnriemens fällt.
Beide Trageschaken haben noch besondere Einrichtungen, welche bezwecken, jedes zufällige
Aushaken der Kandare während des Reitens oder Fahrens zu verhindern:
a) Bei der rechtsseitigen Trageschake, Fig. 4 b, befindet sich an der oberen Seite der
Oese α eine Verlängerung, die Nuth o, durch
welche die Gegenverstärkung cl des rechtsseitigen
Kandarenhakens durch die Oese durchtreten kann, wenn die Kandare mit dem rechtsseitigen
Balken fast horizontal gedreht wird, was selbstredend nur aufserhalb des Pferdemaules
geschehen kann. Ist die Gegenverstärkung durch die Nuth ο durchgetreten und die Kandare
sodann mit ihrem rechten Balken abwärts gedreht, so ist ein Aushaken aus der Oese nicht
mehr möglich.
b) Die linksseitige Trageschake mufste selbstverständlich eine andere Einrichtung erhalten,
da, nachdem die Kandare in die rechte Schake eingehängt ist, dieselbe (s. II. Handhabung)
durch das Maul des Pferdes gezogen wird und nun also nicht mehr, wie dies bei
der rechtsseitigen Schake möglich war, mit dem Balken in horizontaler Lage seitwärts gedreht
werden kann.
Es ist deshalb die Oese dieser Trageschake nach links durch die besondere Nuth o, Fig. 3 b,
erweitert, durch welche die Gegenverstärkung c1 des Kandarenhakens durchtreten kann, wenn
die schon im Pferdemaul befindliche Kandare mit dem linken Balken ein wenig nach vorn
aufwärts gedreht wird.
Ist die Gegenverstärkung durchgetreten, so senkt sich der Kandarenhaken in den unteren
engeren Theil der Oese.
Damit jedoch durch keinen zufälligen Stofs (Kopfschleudern des Pferdes etc.) die Gegenverstärkung
wieder in die Höhe der Nuth gelangen und etwa rückwärts durch dieselbe durchtreten
kann, ist die Sicherungsklappe S, Fig. 3 b, angebracht. Diese, eine annähernd halbrunde
Eisenplatte mit nach unten gewendeter schiefer Fläche, ist um den Niet η drehbar.
Wird sie so weit nach aufsen und oben gedreht, bis sie sich an den Mittelringel c anlehnt
(Punktirung in Fig. 3 b), so ist die Nuth der Oese völlig frei und gestattet den Durchtritt
der Gegenverstärkung cl des Kandarenhakens. Wird nach Durchtritt desselben die
Sicherungsklappe durch Drehung nach aufsen und abwärts wieder umgelegt, so bildet sie
einen selbsttätigen Verschlufs, da der Kandarenhaken
bei jeder Aufwärtsbewegung an ihre untere schiefe Fläche stöfst und nach rechts gleitend die Sicherungsklappe mit ihrem äufseren
Ende abwärts bewegt, so dafs sie die Nuth 0 sicher absperrt.
Um die Reibung des Kandarenhakens an der schiefen Fläche zu mindern, ist diese da, wo
jener sie trifft, leicht ausgerundet (s.. Fig. 3 b).
Die Sicherungsklappe bewegt sich in einer Ausschleifung an der hinteren Fläche der Trageschakenöse
, deren untere vorspringende Kante ihre Bewegung nach links und unten begrenzt.
Zur besseren Handhabung ist das Knöpfchen k angebracht.
3.. Das Trensengebifs D (s. Fig. 5, 6 und 7) ist etwas stärker construirt als ein gewöhnliches
Unterlegetrensengebifs und mit den äufseren Enden sanft nach hinten zurückgebogen.
Mittelst der ovalen, senkrecht von oben nach unten durchgebohrten Oeffnungen c und d in
den Schenkeln α und b wird dasselbe auf die oberen Kandarenbalken über die Kandarenhaken
α α und die Kloben ff aufgeschoben, kann sich auf diesen bis zu den letztgenannten
aufwärts und bis zu deren ovalen Verstärkungen abwärts bewegen und liegt für gewöhnlich auf
den letzteren auf.
In den Oesen c und d befindet sich da, wo beim Trensengebrauch der vordere und innere
Theil der Oese sich an die cylindrischen Kandarenbalken anlegt, .noch je eine leicht runde
Ausschleifung c' d', um das Trensengebifs etwas
mehr zurücktreten und auf die Laden des Pferdes drücken zu lassen.
Die Zügelringe sind in rückwärts gebogenen Kloben befestigt, um mit den Kandarenbalken
bezw. deren Kloben ff nicht in zu nahe Berührung zu kommen. ■..
II. Erklärung der Handhabung der
neuen Kandaren- und Trensen-
Construction.
i. Das zu verwendende Hauptgestell. Die hier beschriebene, mit dem Trensengebifs verbundene
Kandare kann in jedes Hauptgestell, sobald dessen Backenstücke mit den Trage-
schaken versehen sind, eingehängt werden.
Nasen- und Kinnriemen müssen aber stets ähnlich, wie dies in den Fig. 8 und 9 ersichtlich,
an den Trageschaken befestigt werden.
Sollen die ökonomischen Vortheile der hier in Rede stehenden Neu-Construction in vollem
Umfange hervortreten, so wird die Verwendung einer so, wie die Fig. 8 und 9 zeigen, aptirten
preufsischen Cavalleriehalfter am zweckmäfsigsten sein.
Alle ferneren Angaben werden sich daher nur auf eine, wie in den beiliegenden Zeichnungen,
Fig. 8 und 9, erläutert, zum Gebrauch als Hauptgestell für die hier in Rede stehende
Kandaren- und Trensen - Construction aptirte preufsische Kavalleriehalfter beziehen.
2. Auflegen der Halfter mit eingehängter Kandare und Trense. Soll auf den noch unbekleideten
Pferdekopf die Halfter sammt der bereits in die Trageschaken derselben eingehängten
Kandare aufgelegt werden, so geschieht dies wie bei jeder anderen Kandare, nur dafs
der Kinnriemen nicht geöffnet, sondern lediglich erweitert wird (s. Fig. 8). Nach dem Auflegen
wird der Kehlriemen festgeschnallt, der Kinnriemen mäfsig oder, falls man eine schärfere
Wirkung der Kandare beabsichtigt, fester angezogen und die Strippe durch die Lederschlaufe
gesteckt, womit die Zäumung zum Gebrauch fertig ist, falls man ohne Kinnkette zu reiten
beabsichtigt, was einer der Hauptzwecke der Construction ist.
Soll die Kinnkette Verwendung finden, so sind die Kmnkettenhaken vor dem Aufzäumen
in die Kloben// und in den rechten derselben die Kinnkette ebenfalls mit dem einen Ende
bereits einzuhängen.
Nach dem Festschnallen von Kehl- und Kinnriemen wird dann die Kinnkette wie gewöhnlich
ausgedreht und in den linken Haken eingehängt.
(Die Kmnkettenhaken dürfen nicht vertauscht, sondern müssen von hinten so eingehängt werden,
dafs die seitliche Biegung ihrer Oese nach dem Pferdemaul gewendet ist.)
3. Das gewöhnliche Aufkandaren, d. h. Einhängen
der Kandare mit Trensengebifs in die Trageschaken der bereits auf dem Pferde befindlichen
Halfter. Ist das Pferd bereits mit der Halfter, deren Kinnriemen dann erweitert ist, Fig. 8, bekleidet, so tritt der Aufzäumende,
die mit dem Trensengebifs vereinigte Kandare in der rechten Hand, mit dieser den unteren
linken Kandarenbalken fassend, die Zügel geordnet in der linken haltend, an die linke
Schulter des Pferdes, legt die Zügel über den Hals, öffnet mit dem Daumen der linken Hand
die Sicherungsklappe 5 der linken Trageschake, indem er sie, am Knöpfchen k nach oben und
rechts drehend, völlig umlegt, reicht die Kandare mit der rechten Hand unter dem Halse
des Pferdes her so weit nach rechts, dafs er mit Hülfe der linken den Haken des rechten
oberen Kandarenbalkens in die Oese der rechten Trageschake einhaken kann. Hierbei "wird die
Kandare stark nach auswärts in fast horizontale Lage gedreht, um die Gegenverstärkung cl
durch die oben an der Trageschakenöse befindliche Verlängerung durchzubiegen.
Alsdann drückt er mit der rechten Hand.das gesenkte Gebifs von unten her in das eventuell
unter bekannter Beihülfe der linken Hand geöffnete Pferdemaul und hakt den linken Kandarenhaken,
den unteren Balken etwas nach vorwärts-aufwärts drehend, in die mit der linken Hand erfafste und etwas nach rückwärts - aufwärts
gehobene Oese der linken Trageschake, indem er die Gegenverstärkung cx nach oben
durch die Erweiterung der Oese führt. Hierauf wird die Sicherungsklappe geschlossen, d. h.
nach links umgelegt, der Kinnriemen, so weit erforderlich, d. h. mäfsig oder fester, angezogen,
und das Strippenende durch die Lederschlaufe gesteckt, womit die Zäumung ohne Kinnkette
zum Gebrauch fertig ist. Soll die Kinnkette mit verwendet werden, so wird diese noch-ausgedreht
und eingehakt, wie unter 2.
Kann der Aufzäumende von vorn zu dem Pferde gelangen, so geht das Einhängen des
Gebisses ganz analog, aber noch bequemer und schneller von statten.
Haben Mann und Pferd die Manipulation einige Male durchgemacht, so nimmt sie in der
Regel nur 30 bis 20 Sekunden in Anspruch.
4. Das Abkandaren, d. h. Aushängen des Kandaren- und Trensengebisses aus der auf
dem Pferde befindlichen Halfter erfolgt in umgekehrter Ordnung, indem zunächst eventuell
die Kinnkette ausgehakt und der Kinnriemen so weit geschnallt wird, als dies beim Gebranch
des Hauptgestelles als Halfter erforderlich ist. Alsdann wird die Sicherungsklappe »S geöffnet,
die Kandare mit der rechten Hand am unteren linken Kandarenbalken etwas nach vorwärtsaufwärts,
mit der linken gleichzeitig die Oese der linken Trageschake etwas nach rückwärtsaufwärts
gedreht, zunächst auf der linken Seite, sodann, nachdem man die Gebisse (durch Senken
des gelösten linksseitigen Theiles nach unten) eventuell unter Beihülfe der linken Hand zum
Oeffnen des Pferdemaules, aus dem Maul genommen, auch auf der rechten ausgehakt, zuletzt
die Zügel vom Halse des Pferdes herabgenommen. Dieses Abkandaren erfordert höchstens
15 bis 10 Sekunden.
5. Die Handhabung der neuen Kandaren- und Trensen-Construction während des Reitens
ist ganz ebenso wie die'der bisherigen, nur kann man die Trensenzügel auch einseitig zur
Wirkung bringen, da ein Durchziehen der Trense
quer durch das Pferdemaul, wie es bei der bisherigen Unterlegetrense möglich, durch die Führung
des Trensengebisses auf den oberen Kandarenbalken ausgeschlossen ist.
III. Vorzüge der heuen Kandaren- und Trensen-Construction vor der bisherigen.
A. In Bezug auf Beherrschung und Dressur des Pferdes:
i. Die Kandarenwirkung. Bei der bisherigen
mittelst der Kinnkette wirkenden Kandare ist die Arbeit eine complicirte und zum Theil sich
selbst widersprechende. Die Kinnkette nämlich, welche die Stützpunkte des Hebels, d. h. die
am oberen Ende der Kandarenbalken befindlichen Augen, in denen sie mittelst der Kinnkettenhaken
befestigt ist, fixiren soll, legt sich nicht rechtwinklig zu den Kandarenbalken gegen
den Unterkiefer, sondern hängt mit der Mitte noch 4 bis 6 cm unterhalb ihrer Verbindungspunkte in der sogenannten Kinnkettengrube.
Werden nun die Kandarenzügel angezogen, so fungirt die Kandare im ersten Moment als
doppelarmiger Hebel, dessen Stützpunkte die Pferdekinnladen da, wo das Gebifs auf ihnen
aufliegt, bilden. Um diese Stützpunkte dreht sich zunächst das ganze System in1 der Weise,
dafs die unteren Kandarenbalken sich rückwärts, die oberen Kandarenbalken sich vorwärts bewegen
und dadurch die Kinnkette in der Richtung vorwärts-aufwärts anspannen. Dieser erste
Druck der Kinnkette von hinten und unten nach vorwärts-oben gegen die gerade in der
Gegend der Kinnkettengrube sehr scharf geformten und empfindlichen Unterkieferknochen
wirkt in doppelter Beziehung schädlich: i. indem er der vom Reiter beabsichtigten Wirkung,
nämlich der Genickbiegung ab- und rückwärts geradezu entgegenarbeitet; 2. aber die Aufmerksamkeit
des Pferdes durch den an dieser Stelle verursachten Schmerz von der eigentlich beabsichtigten und demnächst (s. unten) auch
eintretenden Wirkung, d. h. den Druck des Gebisses auf die Laden in der Richtung rückwärtsabwärts
andauernd ablenkt.
Gerade diese schmerzhafte Erstwirkung der Kinnkette trägt die Schuld an dem Kopfschleudern
so vieler Pferde bei der ersten Dressur mit der Kandare, eine Untugend, die sich bei einer erheblichen Zahl auch später
kaum mehr vollständig verliert.
! Sie bildet aber auch den Grund zu den mancherlei plötzlichen Irritationen der Pferde, wie sie bei höchsten Kraftleistungen, beim Graben- und Barri£respringen, Paraden aus langem Galopp etc. so oft eintreten, sich in Prellen, Bäumen u. s. w. äufsern und oft genug zu Unglücksfällen Veranlassung geben.
! Sie bildet aber auch den Grund zu den mancherlei plötzlichen Irritationen der Pferde, wie sie bei höchsten Kraftleistungen, beim Graben- und Barri£respringen, Paraden aus langem Galopp etc. so oft eintreten, sich in Prellen, Bäumen u. s. w. äufsern und oft genug zu Unglücksfällen Veranlassung geben.
Bei diesem ersten Anspannen der Kinnkette durch den Zügelanzug tritt nun ferner infolge
des Aufwärtsstrebens der Kinnkette häufig das sogenannte Durchfallen der Kandare ein, d. h.
eine so starke Drehung der Balken um den im Gebifs liegenden Drehpunkt, dafs die Anzüge
des Reiters direct in der Richtung des Gebisses wirken und jede Hebelwirkung verloren geht.
Dieses Durchfallen der Kandare liegt nun zwar manchmal in abstellbaren Mangeln der
Zäumung, dagegen in einem gar nicht selten vorkommenden Falle ist diesem Durchfallen der
bisherigen Kandare nicht abzuhelfen, nämlich dann, wenn die Unterkieferknochen des betreffenden
Pferdes sich von der Kinnkettengrube bis 4 bis 6 cm aufwärts nicht oder nur sehr
wenig nach hinten, d. h. vom Nasenbein nach dem Kehlgang zu verbreitern, sondern eine mit
der Nasenfläche fast parallele Linie bilden.
In diesem Falle rückt die ursprünglich in der Kinnkettengrube rührende Kinnkette beim
ersten Zügelanzug stets aufwärts, oft sogar vollständig bis in die Höhe der Augen, wo sie an
dem Kandarenbalken befestigt ist. Der dadurch entstehende Spielraum reicht dann aus,
die Hebelarme der Kandare sich derartig drehen zu lassen, dafs sie vollständig oder doch fast
vollständig durchfällt.
Behält aber die Kinnkette annähernd ihre Lage in der Kinnkettengrube und fällt daher
die Kandare nicht durch, so bildet nunmehr der Punkt, wo die Kinnkette am Unterkiefer
anliegt, den Stützpunkt für das ferner wirksame Hebelsystem. Dieses bildet von da ab in der
Regel also einen einarmigen Hebel von sehr scharfer Wirkung, insofern der Hebelarm der
Last (vom Stützpunkt der Kinnkette bis zum Druckpunkt des Gebisses) meist sehr kurz (oft
kaum ι cm) und daher der Hebelarm der Kraft verhältnifsmäfsig sehr lang ist (oft 10 bis 12 cm
und langer).
Fällt aber der Stützpunkt der angespannten Kinnkette in oder dicht an der Kinnkettengrube
etwa in die Höhe des Druckpunktes des Gebisses selbst oder gar noch unterhalb dieses
Druckpunktes, so stellt die Kandare lediglich eine auf Pressung bezw. Zerbrechung und
Quetschung des Unterkiefers zwischen Gebifs und Kinnkette hinwirkendes Torturwerkzeug
dar, deren nutzloser Quälerei das Thier nun dadurch zu entgehen sucht, dafs es entweder
den Kopf über die Horizontale erhebt, zum sogenannten Sterngucker wird, oder dafs es
sich überzäumt und dadurch den Reiter zum Nachgeben der Zügel veranlafst. Dafs hierdurch
der rechte Gehorsam und das kunstgemäfse »Am Zügel stehen« völlig illusorisch wird, ist
ebenso natürlich, als dafs die mannigfachsten Verletzungen der Haut des Unterkiefers, der
Lefzen, ja selbst der Unterkieferknochen hervorgerufen werden.
Auch diesen Nachtheilen läfst sich bei dem alten Kandarensystem oft deshalb nicht abhelfen,
weil sie in der Formation des Pferdekopfes, d. h. in der verhältnifsmäfsig tiefen Lage
der gerade in diesem Falle gewöhnlich sehr scharf ausgebildeten Kinnkettengrube ihre Veranlassung
haben. .
Allen diesen in der Praxis so häufig vorkommenden Uebeln der alten Zäumung hilft
das hier in Rede stehende neue Kandaren- und Trensensystem, welches der Kinnkette nicht
bedarf, ab.
Da bei der neuen Kandare nämlich die Stütz- und Angriffspunkte, d. h. die hinteren
Flächen der Trageschakenösen, wo die Verstärkungen cc, Fig. ιa, ib und 7, der oberen
Kandarenbalken sich anlehnen, durch den rechtwinklig sich gegen den Unterkiefer des Pferdes
spannenden Kinnriemen festgelegt sind, so läfst sich ihre Wirkung einfach als die eines einarmigen
Hebels betrachten, dessen Hebelarm der Last von jenen Stützpunkten bis zur Mitte
der Gebifsstange, welche auf die als Last- zu betrachtende untere Kinnlade des Pferdes wirkt,
dessen Hebelarm der Kraft vom Stützpunkt bis zur Durchbohrung für die Zügelringe e e, Fig. 1,
reicht.
. Da nun letzterer, b und e, eine Länge von 15 cm, ersterer, b, nur eine solche von 6 cm
besitzt, so verhält sich die zum Gleichgewicht erforderliche Kraft zur Last wie 1 : 2,5.
Wie eingehende Proben auf sehr genickstarren und sogenannten hartmäuligen Pferden ergeben
haben, reicht in der Praxis diese der neuen Construction eigene Hebelkraft vollständig aus,
was auch theoretisch leicht einleuchtet, wenn man erwägt, dafs die Kraft des Hebels zur
Biegung des Genicks noch aufserdem an dem langen Hebelarm wirkt, welchen der Pferdekopf
selbst vom Genick bis zur Auflage des Kandarengebisses darstellt, ein Hebel, der ja
auch bei der einfachen Trense zur Geltung kommt. Dafs diese Wirkung durch Verlängerung
dieses Hebelarmes, d. h. durch ein Tieferlegen des Kandarengebisses ebenso verstärkt
wie durch Höherlegen desselben und mäfsiges Anziehen des Kinnriemens gemildert werden
kann, ist selbstverständlich.
In jedem Falle, mag der Pferdekopf formirt sein, wie er will, läfst sich eine genaue, bestimmte,
einfache Hebelwirkung erzielen, da die Stützpunkte des ganzen Hebelsystems, die hinteren
Flächen der Trageschakenösen, durch den rechtwinklig zu den Unterkieferknochen
laufenden Kinnriemen festgelegt sind. Da der letzere 3 cm breite Riemen nur wenig unterhalb
der Jochleiste über die dort den Kehlgang ziemlich weit umfassenden und. stumpfer als
weiter abwärts geformten Unterkieferknochen läuft, so kommen Verletzungen durch denselben
gar nicht vor und sein Drück beim Anziehen der Zügel wird auch deshalb weniger empfunden,
weil er an einer Stelle stattfindet, wo die Bewegung des Unterkiefers beim Oeffnen des
Maules wegen der gröfseren Nähe des Kinnbackengelenkes eine weit geringere ist als weiter
abwärts in Höhe der Kinnkettengrube.
In der Praxis hat das Reiten von in Beziehung auf Kopf bau, Genick- und Ganachenformation,
Empfindlichkeit des Maules u. s. w. sehr verschiedenen Pferden mit der hier in Rede stehenden neuen Kandare das Resultat
ergeben, dafs alle diese Pferde fast gleich gut und vertrauensvoll an das Gebifs herangingen,
sehr elastisch an demselben verblieben und willfährig gehorsamten. Junge, rohe Pferde
gewöhnten sich weit schneller als sonst an die Kandarenwirkung, und Pferde, welche bei Anwendung
der Kinnkette heftig mit dem Kopfe schleuderten, wurden an dieser Kandare sehr bald durchaus ruhig.
Für Reiter, welche die Kinnkette dennoch nicht entbehren zu können glauben, ist die Anwendung
derselben durch Anbringung der Kinnkettenhaken in den Kloben// ermöglicht. Die Kinnkettenwirkung ist dann doch rationeller,
einerseits, weil sie unterhalb der Stütz- (Angriffs-) Punkte der Kandare , der Verstärkungen' c c,
befestigt ist, und andererseits, weil sie sich in verschiedenster Weise modificiren läfst, je nachdem
man den Kinnriemen mehr oder weniger festschnallt. Je fester dieser geschnallt wird,
desto geringer ist die Kinnkettenwirkung, indem letztere sich nicht mehr steigern kann, sobald
der Kinnriemen schon angespannt ist, und nur so weit eintritt, bis dieser gespannt ist. Wird
der Kinnriemen sehr locker geschnallt, so tritt eine ähnliche scharfe Wirkung der Kinnkette
wie bei der gewöhnlichen Kandare ein, nur dafs dieselbe nicht so weit aufwärts gleiten
kann. Man hat es deshalb stets in der Hand, ihre Wirkung so zu ermäfsigen, dafs eine Beschädigung
der Kinnkettengrube, des Hinterkiefers etc., wie sie sonst so oft stattfindet,
nicht eintreten kann.
2. Trensenwirkung. Die bisher gebräuchliche sogenannte Unterlegetrense ist in ihrer
Bewegung im Pferdemaul weder nach oben noch nach der Seite hinreichend begrenzt. Sie
giebt daher bei ihrer Schärfe oft zu Verletzungen der Lefzen Veranlassung. Ebenso ist bei ihrer
Anwendung ein sorgfältiges Annehmen beider Zügel erforderlich, wenn sie nicht nach einer
Seite hin durch das Maul gezogen werden soll.
Diese Uebelstände werden durch die hier in Rede stehende Trensen-Construction beseitigt.
Infolge der am oberen Ende um 12 mm nach rückwärts gerichteten oberen Kandarenbalken
gleitet das Trensengebifs beim Annehmen der Trensenzügel mit Leichtigkeit so weit nach
Claims (2)
1. an Ledertheilen: das Hauptgestell der
Kandare und die Lederschlingen zur Befestigung der Trensenkettenknebel;
2. an Metalltheilen: Trensenkette mit Knebel, die drei Schnallen am Hauptgestell der Kandare,
sowie die bisherigen. viereckigen Halfterschaken und eventuell Kinnkette mit Kinnkettenhaken.
An Stelle aller dieser Theile treten lediglich die neuen Trageschaken.
Die aptirte Halfter mit Trageschaken ist daher auf jedes Pferd lediglich mittelst Schnallen etc.
ohne jede Hülfe des Sattlers aufzupassen. Das Kandaren- und Trensengebifs dürfte in 2 und 3
lediglich durch die Länge der Gebisse und entsprechende Auseinanderstellung der Balken differirenden
Nummern ausreichen.
Wird das Trensengebifs von der Kandare abgezogen, so kann es, mittelst zweier in die
Zügelringe eingeschlaüfter Schnallriemen mit dem Mittelringel c der Trageschaken verbunden,
als einfache Wassertrense benutzt werden.
Paten τ-An Sprüche:
Die Kandaren- und Trensen - Construction, bestehend:
i. In der besonderen Einrichtung der Kandare, Fig. 7:
a) zum Einhängen in die mit der Halfter verbundenen Trageschaken B und C,
Fig. 3 a,'3b, 4a, 4b, 7, 8 und 9, vermittelst
der Kandarenhaken a, Fig. 1, ι a, ι b und 2, und zur derartigen
Sicherung dieser Verbindung, dafs ein freiwilliges.Lösen derselben beim Reiten
-und Fahren unmöglich wird;
b) Zur Fixirung der Stütz- (Angriffs-) Punkte der Kandare an der hinteren
Fläche der Trageschakenösen a, Fig. 3 b
und 4 b, vermittelst der halbrunden Verstärkungen c c, Fig. ι a und ι b, an
der inneren Seite der oberen Kandarenbalken b, Fig. ι;
c) zur Führung des Trensengebisses, Fig. 5 und 6, auf dem oberen Kandarenbalken b und Begrenzung von dessen
Bewegung sowohl auf- und ab- als seitwärts.
2. In der Construction der Trageschaken B und C zur . zweckmäfsigen Verbindung der
Halftertheile unter sich zur zeitweiligen Verbindung mit der Kandare sammt Trensengebifs
und zur Sicherung dieser Verbindung mittelst der besonders construirten Nuthen 0,
Fig. 3b und 4b, bezw. der Sicherungsklappe S, Fig. 3 b, der Trageschaken.
3. In der Einrichtung des Trensengebisses D, Fig. 7, zur Führung auf dem oberen Kandarenbalken b, Fig. i, mittelst der vorderen, senkrecht von oben nach unten durchgebohrten Oefrhungen c und d in den Armen α und b, Fig. 6, wobei diese Be- : wegung nach oben durch die Kloben /, Fig. ι und 2, und nach unten durch die ovalen Verstärkungen von b begrenzt sind.
3. In der Einrichtung des Trensengebisses D, Fig. 7, zur Führung auf dem oberen Kandarenbalken b, Fig. i, mittelst der vorderen, senkrecht von oben nach unten durchgebohrten Oefrhungen c und d in den Armen α und b, Fig. 6, wobei diese Be- : wegung nach oben durch die Kloben /, Fig. ι und 2, und nach unten durch die ovalen Verstärkungen von b begrenzt sind.
Hierzu 2 Blatt Zeichnungen.
Publications (1)
| Publication Number | Publication Date |
|---|---|
| DE26463C true DE26463C (de) |
Family
ID=302844
Family Applications (1)
| Application Number | Title | Priority Date | Filing Date |
|---|---|---|---|
| DENDAT26463D Active DE26463C (de) | Mit einer Trense verbundene Kandare |
Country Status (1)
| Country | Link |
|---|---|
| DE (1) | DE26463C (de) |
-
0
- DE DENDAT26463D patent/DE26463C/de active Active
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