Verfahren. zur Herstellung von resorbierbarem Nähmaterial für chirurgische
Zwecke Es ist vorgeschlagen worden, aus denjenigen tierischen Sehnen, die sich am
Ende der Muskeln befinden und diese mit den Knochen verbinden, dadurch chirurgische
Nähfäden herzustellen, daß man diese Sehnenteile trocknet und die durch Zerreißen
entstandenen Fasern verspinnt. Zur Ausführung dieses bekannten, praktisch jedoch
unausführbaren Verfahrens müßte man das die Sehnen einschließende Muskelfleisch
zerfetzen und abtrennen; um die Sehnen bloßlegen und heraustrennen zu können. Bei
diesem Bloßlegen und Heraustrennen müssen die schlüpfrigen Sehnen mit den Händen
sehr fest erfaßt werden. Diese intensive Bearbeitung der Sehnen ist zudem äußerst
schwierig und muß kunstgerecht geraume Zeit hindurch von Hand erfolgen. Wenn auch
die schließlich zur Verarbeitung fertigen Sehnen von Natur aus leimarm sind, so
werden sie durch diese umständliche und lange Zeit hindurch betriebene intensive
Bearbeitung von Hand derart infiziert, daß sie als einwandfreies Ausgangsmaterial
keinesfalls mehr anzusprechen sind. Denn die Hand, insbesondere die des Schlächters,
ist stets so bakterienbeladen, daß die damit so intensiv behandelten Sehnen unbedingt
infiziert werden. Das frische tierische Gewebe aber ist der natürliche und weitaus
beste Nährboden für Bakterien, auf dem diese leicht und sehr schnell in die gefürchtete
Dauerform (Sporen) übergehen. Die Sporen sind auf tierischem Gewebe überhaupt nicht
mehr einwandfrei abzutöten, ohne daß das Gewebe z. B. durch Hitze oder Chemikalien
zerstört wird. Es entstehen infolgedessen bei der Gewinnung und Verarbeitung der
Sehnen ähnliche Mißstände wie bei der Verarbeitung von Hammeldarm, der ja auch nicht
einwandfrei zu sterilisieren ist. Ein weiterer Nachteil der Sehnenverarbeitung liegt
darin, daß ein einzelnes Tier so wenig Sehnen liefert, däß zur fabrikmäßigen Herstellung
das Sammeln der Sehnen in fremden Fleischereibetrieben notwendig wäre, wodurch auch
aus diesem Grunde dieselben infektiösen Verhältnisse eintreten würden wie beim Sammeln
des Hammeldarms.
Gemäß der Erfindung werden die Nachteile dadurch vermieden, daß -
wie es für Textilzwecke schon vorgeschlagen wurde -die chirurgischen Nähfäden anstatt
aus Sehnen aus frischem Muskelfleisch hergestellt werden. Dann ist es nämlich möglich,
das Fleisch ohne Zerfetzen und ohne Bearbeitung von Hand nunmehr in zusammenhängenden
Teilen ohne den geringsten Zeitverlust unmittelbar nach dem Schlachten rein maschinell,
d.li. keimarm, weiterzubehandeln. Da ein Tier etwa t iomal so viel Fleisch liefert
wie Sehnen, so fällt jegliches Sammeln fort und dadurch auch jegliche Gefahr für
Infektion und Sporenbildung. Der aus Fleischfasern hergestellte resorbierbare chirurgische
Nähfaden hat außerdem den wesentlichen Vorteil, daß man ihn kochen kann; und daß
er von jeder Flüssigkeit, in die man ihn einbringt, völlig durchdrungen wird, insbesondere
also
auch von der Kochflüssigkeit. Bekanntlich ist das lochen bei den bisher gebräuchlichen
resorbierbaren tierischen Geweben, wie Katgut, Sehnensträngen, Tierblasen, Arterien
usw., unmöglich, weil die Struktur dieser Stoffe dabei vernichtet wird. Außerdem
wird z. B. der -Katgutfaden bekanntlich selbst nach tagelangem Liegen in einer Flüssigkeit
von dieser nicht zuverlässig durchdrungen. Dieser Mangel der bisher gebräuchlichen
tierischen Gewebe wird in der Chirurgie außerordentlich stark empfunden, weil dort
als Regel gilt, däß alles, was gekocht ist, einwandfrei steril und uribedenklich
zu verwenden ist. Der Arzt kann den resorbierbaren Fleischfaserfaden, also kurz
vor der Operation, genau so wie bisher den Seidenfaden, gegebenenfalls zu seiner
eigenen Sicherheit kochen und mit kochender Flüssigkeit durchdringen. Eigentümlicherweise
bewirkt das lochen des Fleischfaserfadens nicht etwa eine nachteilige Veränderung
oder gar Vernichtung seiner Struktur. Vielmehr wird ganz im Gegenteil - und das
ist der dritte wesentliche Vorteil - durch das lochen die Zugfestigkeit des Fleischfaserfadens
außerordentlich erhöht: Diese Fäden und Gewebestoffe aus Muskelfleisch werden in
üblicher Weise, aber von Grund auf unter sterilen Bedingungen hergestellt, dergestalt,
däß dem Müskelfl"eisch zunächst das Blutserum und gewisse Eiweißstoffe durch Auslaugen
oder auf andere Weise entzogen werden, und daß dann das Ausgangsmaterial während
der Zurichtung Sterilisations- und Härtungsprozessen, z. B. mit Formalin-, Chromsäure-,
Jodlösungen oder anderen Stoffen, unterworfen wird, daß ferner während des Spinnens
und Webens die Keimarmut des Stoffes gewahrt bleibt; und daß endlich das fertige
Gespinst oder Gewebe durch anschließende oder zu beliebiger Zeit angewandte Schlußsterilisation
gebrauchsfähig gemacht wnd. So werden z. B. die unter strengster Wahrung der von
vornherein vorhandenen Keimarmut gewonnenen Fleischfasern, wenn nötig; zuerst mit
Tetrachlorkohlenstoff (C Cl j) entfettet; dann in schwacher Formalinlösung sterilisiert
und gegerbt. Nach dem Trocknen werden die Fasern unter möglichster Vermeidung der
Keimübertragung verspönnen und die fertigen Gespinste dann nochmals einem geeigneten
Sterilisationsprozeß unterworfen, der sie völlig keimfrei macht. Die Keimfreimachung
kann durch chemische Stoffe; durch Einwirkung von Hitze oder auf andere Weise, gemäß
der Erfindung sogar durch Kochen, erfolgen. Die Gespinste oder Gewebestoffe können
homogenisiert oder unhomogenisiert Verwendung finden. Auch können gesponnene feine
Fäden zu stärkeren Fäden zusammengedreht oder verflochten werden.
Zur Ausführung des Verfahrens entnimmt man z. B. einem frisch geschlachteten
gesunden Pferde Muskelfleisch und zerschneidet es; zweckmäßig händefrei, mittels
Maschinen. Etwa I5o kg Fleischteile legt man in etwa zoo 1 einer schwachen Säurelösung
unter I5° C .''(z. B. a,3prozentige Essigsäure); spült mit klarem Wasser nach und
wiederholt den Vorgang nach Bedarf. Die ausgelaugten Fleischteile lassen sich in
einer einprozentigen wässerigen Formalinlösung gerben. Darauf werden sie getrocknet
und auf Maschinen geklopft und zerzupft, so daß das Abfallmehl von den reinen Fasern
sich trennt. Die gewonnenen Fasern werden in Tetrachlorkohlenstoff, Aceton o. dgl.
entfettet, auf Textilmaschinen bis zur Spinnfähigkeit verfeinert, versponnen und
verzwirnt. Die Sterilisation erfolgt, ähnlich wie beim Katgut, z. B'. durch Einlegen
in eine ö,3prozentige Jodlösung auf die Dauer von 3 bis q. Tagen.