Nadelfreie subkutane Applikation von Proteinen
Beschreibung
Die Erfindung betrifft die nadelfreie subkutane Applikation von Proteinen an Mensch und Tier mittels einer Vorrichtung zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb sowie ein entsprechendes Verfahren und dessen Verwendung.
Die Applikation von Proteinen an Mensch und Tier ist eine besondere Herausforderung, so dass zumeist die Verabreichung von Proteinen mittels nicht- nadelfreier subkutaner Applikation erfolgt (z.B. Spritze oder dergleichen). Insbesondere bei einer transdermalen Applikation müssen therapeutische Proteine hauteigene Proteine passieren. Jedoch haben Proteine, insbesondere rekombinante Proteine, eine wachsende Bedeutung als Arzneimittel erreicht. Insbesondere betreffen diese Proteine solche Wirkstoffe wie Wachstumsfaktoren, Antikörper, Hormone, Enzyme, Inhibitoren/Rezeptorantagonisten, Gerinnungsfaktoren und Zytokine.
Bei folgenden Indikationen bzw. Behandlungsanlässen werden heute routinemäßig Wirkstoffe auf Proteinbasis (insb. rekombinante Proteine) eingesetzt:
Antithrombotika, Asthma, Atemwegsinfektionen, Antigene, Blutarmut (Epoetin), Blutkrankheit, Diabetes (Insulin), Fertilitätsstörung, Hepatitis B/C (Peginterferon alfa- 2a/2b), Knochenbrüche, Krebs, Makuladegeneration (AMD), Mucoviscidose
(Dornase alfa), Multiple Sklerose (Natalizumab), Osteoporose (Teriparatid),
Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie, Rheuma (Infliximab/Adalimumab),
Schleimhautentzündungen (Palifermin), Schuppenflechte, Sepsis (Drotrecogin alfa), Stoffwechselstörungen, Transplantation (Basiliximab),
Wachstumsstörung/Akromegalie (Somatropin/Pegvisomant),
Wachstumsstörung/Kleinwuchs (Somatropin) und Wundheilung (Becaplermin).
In Europa sind derzeit mehr als 150 gentechnisch hergestellte Arzneimittel, insbesondere rekombinante Proteine, zugelassen.
Beachtlich ist jedoch, dass die Herstellung von rekombinanten Proteinen mit den eingesetzten Wirten, wie Bakterien (z.B. Escherichia coli) solche Proteine im Gegensatz zum nativen Protein nicht prozessiert, z.B. nicht-glykosyliert, werden. Folglich sind diese rekombinanten Proteine mit ihrem authentischen Gegenstück meist nicht strukturell identisch, sondern lediglich identisch in der Funktion.
Ein weitgehend ähnliches Glykosylierungsmuster wird für solche Proteine erhalten, die mittels den gut etablierten Zelllinien, wie Baby-Hamster-Kidney-Zellen (BHK- Zellen), Ovarialzellen des chinesischen Hamsters (CHO-Zellen) oder menschliche Fibroblasten-Zellen hergestellt werden.
Dies heißt, es bestehen hohe regulatorische Anforderungen beispielsweise an therapeutischen Proteinen, sowohl in der Herstellung als auch in einer Darreichungsform bzw. Applikation.
Weiterhin muss gewährleistet sein, dass insbesondere die funktionsbestimmende Tertiär- und Quartärstruktur eines Proteins erhalten bleibt und nicht durch die Applikation beeinträchtigt wird bzw. weitgehend erhalten bleibt.
Es ist daher wesentlich zum Erhalt der Funktion eines Proteins, insbesondere rekombinante oder therapeutische Proteine, auch im Hinblick auf eine ausreichende Arzneimittelwirksamkeit und Sicherheit eine neue Applikationsform bereitzustellen, die der hohen Qualität der eingesetzten Arzneimittel nachhaltig gerecht wird.
Im Stand der Technik ist für zu verabreichende Proteine, die nicht-nadelfreie subkutane Applikation beschrieben.
Nach wie vor besteht ein hohes Bedürfnis an neuen innovativen Applikationssystemen, so dass z.B. vorteilhaft die Dosis oder die Pharmakokinetik einer Verabreichung optimiert werden kann (z.B. Reproduzierbarkeit, Wirksamkeit, etc.).
Überraschender Weise konnte nunmehr gefunden werden, dass eine nadelfreie subkutane Applikation eines Proteins an Mensch und Tier mittels einer Vorrichtung
zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb hervorragend geeignet ist.
In einer besonders bevorzugten Ausführungsform erfolgt die nadelfreie subkutane Applikation vertikal zur Hautoberfläche und nicht tangential.
Daher betrifft die Erfindung eine Vorrichtung zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb zur Verwendung in der nadelfreien subkutanen Applikation (eines Proteins) an Mensch oder Tier.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform ist die Vorrichtung als Einweg- System ausgestaltet, so dass lediglich eine Einmalbenutzung („Single use",„ready for use") möglich ist. Folglich ist das zu verabreichende Protein bereits in der Kammer vorgesehen. Die Kammer kann hierzu mit dem Protein befüllt werden und routinemäßig z.B. mittels einer üblichen Schnappvorrichtung in der Vorrichtung (auch: Applikator) vorgerichtet sein.
Das zu verabreichende Protein kann in der Kammer in gelöster Form als Proteinlösung oder Proteinschmelze vorliegen.
Beispielsweise kann die Proteinlösung oder Proteinschmelze eine wässrige Pufferlösung und weitere übliche Zusatz und Hilfsstoffe enthalten.
Eine solche Proteinlösung kann ebenfalls eine Formulierung umfassen, bestehend aus Protein, flüssiges Medium, Polysacchariden, wie beispielsweise für therapeutische Proteine, insbesondere Vakzine erforderlich.
Es ist bekannt, dass solche Systeme - wie ein solch polymeres Fluid - hydrodynamisch als Nicht-Newtonsches Fluid mit einem besonderen Fließverhalten beschrieben werden können, die Gegenstand der Rheologie sein können (H. Pleiner, M. Liu, H.R. Brand, Rheol. Acta 39, 560 (2000)). Es treten daher in Abhängigkeit der Proteinkonzentration besondere rheologische Verhaltensweisen in Lösung auf (Dilatanz, Rheopexie, Turbulenz, etc.). Makroskopisch wird mit zunehmender Proteinkonzentration eine steigende Viskosität (sinkende Fluidität) beobachtet, wobei
Scherspannungen maßgeblich sind. Letztlich sind diese Scherspannungen in der molekularen Ebene eines Proteins auf die Primär-, Sekundär-, Tertiär-, Quartärstruktur in Abhängigkeit der Proteinkonzentration bei gegebenem Druck, Temperatur zurückzuführen (Faltung, Netzstruktur, Knäuel, etc. mit Einfluss z.B. auf den Huggins-Koeffizient u.a.).
Es konnte weiterhin überraschender Weise gefunden werden, dass eine zylindrische Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung, welche in eine Düse mündet, eine optimierte Scherverdünnung in Abhängigkeit der Scherrate der vorhin beschriebenen Proteinlösungen als polymeres Fluid erlaubt. Dies erlaubt eine weitgehende Beibehaltung der Wirksamkeit der maßgeblichen therapeutischen Proteine und eine qualitativ schonende Applikation der Proteine. Folglich konnte erfindungsgemäß eine optimierte Kammer für Proteine für deren nadelfreie subkutane Applikation erreicht werden.
Eine solche zylindrische Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung, welche in eine Düse mündet ist beispielhaft in den Figuren 3, 4a und 4b gezeigt. In einer bevorzugten Ausführungsform ist die Verjüngung trichterförmig ausgestaltet. Beispielsweise kann die Länge der Verjüngung bzw. des Trichters 4 bis 7 mm betragen, bei einer zylindrischen Kammer mit einem Durchmesser von 4 bis 7 mm (siehe Figur 4a).
Daher betrifft die Erfindung eine Vorrichtung zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb, auch zur Verwendung in der nadelfreien subkutanen Applikation (eines Proteins) an Mensch oder Tier, wobei die Vorrichtung eine zylindrische Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung aufweist, welche in eine Düse mündet.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform besteht die Kammer bzw. die Kammerwände aus einem inerten Material und zwar vorzugsweise einem Kunststoff, insbesondere einem Thermoplasten mit guter thermoplastischer Fließfähigkeit, hoher Steifigkeit, Festigkeit und Härte, welche geringe Reibungskräfte für das Protein erzeugt, wie z.B. Cyclo-Olefin-Copolymere (COC), insbesondere Topas®. Zudem weist COC gegenüber Proteinen vorteilhaft eine hohe Biokompatibilität auf.
Die vorgenannten erfindungsgemäßen Maßnahmen (Geometrie und Material der Kammer) verhindern zudem vorteilhaft ein Bersten der Kammer während der Anwendung bzw. Applikation.
Daher betrifft die Erfindung in einer weiteren Ausführungsform eine Kammer enthaltend ein Protein, insbesondere Proteinlösung, wobei die Kammer aus einem Kunststoff, insbesondere Thermoplasten, bevorzugt Cyclo-Olefin-Copolymere (COC), besonders bevorzugt Topas® besteht bzw. hergestellt wird. Die Herstellung kann beispielsweise mittels eines Spritzguss-Verfahren erfolgen.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform wird die Vorrichtung durch Abnahme einer Kappe sofort zur nadellosen subkutanen Applikation bereitgestellt.
Die Erfinder konnten zeigen, dass die nadellose subkutane Applikation zu überraschend hohen Plasmawerten des verabreichten Proteins führt. Erfindungswesentlich ist, dass das applizierte Protein hierbei seine wirkungsspezifische Funktionalität behält, so dass in höchst geeigneter Weise z.B. Arzneimittel auf Basis eines Proteins appliziert werden können. Dies erlaubt eine reproduzierbare Dosierung und erhöht die Patientensicherheit. Zudem wird eine verbesserte Pharmakokinetik gewährleistet.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform besteht der Antrieb aus einem Federantrieb, wie z.B. in DE 10 2008 063 519 A1 , DE 10 2007 004 21 1 A1 , DE 10 2007 018 868 A1 oder DE 10 2007 032 464 A1 der Anmelderin beschrieben, oder einem Gasantrieb, wie z.B. beschrieben in EP 1 125 593 B1 oder EP 1 243 281 B1 , oder einem pyrotechnischen Antrieb, wie z.B. in EP 1 292 344 B1 beschrieben.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform weist das vordere geschlossene Ende der Kammer mindestens eine oder mehrere Düsen auf, oder gar Mehrlochsysteme, wie z.B. beschrieben in DE 20 2008 017 814 U1 . Eine geeignete Düse kann beispielsweise durch einen Hohlraumkörper mit Ein- und Ausgang verwirklicht werden. Der Durchmesser kann z.B. 0,1 mm bis 1 mm betragen.
Das Kammervolumen kann vorzugsweise von 0,1 ml bis ca. 2,0 ml unter Berücksichtigung von unterschiedlichen Innendurchmessern der Kammer betragen. Die Kammer ist zur Aufnahme eines zu verabreichenden Proteins geeignet.
Im Rahmen dieser Erfindung wird unter einem„Protein" ein Polypeptid verstanden, welches ggfs. chemisch modifiziert ist, wie z.B. Glykolisierung, Alkylierung, etc. Ferner kann das Protein ein Arzneimittel oder Therapeutikum sein. Weiterhin bevorzugt ist das Protein ein rekombinantes Protein, einschließlich ein Antikörper, insbesondere ein mono- oder polyklonaler Antikörper, ein Antigen, oder ein Protein, welches ein oder mehrere Epitope aufweist. Ferner können die Proteine biochemisch funktional definiert sein, und zwar solche, wie nicht-abschließend Wachstumsfaktoren, Antikörper, Hormone, Enzyme, Inhibitoren / Rezeptorantagonisten, Gerinnungsfaktoren, Vakzine und Zytokine als auch eine Proteinlösung oder Proteinschmelze (entsprechend einer Polymerschmelze). Ferner können ein oder mehrere gleiche oder verschiedene Proteine vorliegen. Weiterhin ist bevorzugt, dass die Proteine mehr als 50 Aminosäuren, insbesondere mehr als 100 Aminosäuren und / oder eine Molekülmasse größer als 1 kDa, insbesondere größer als 10 kDa aufweisen.
Der Begriff „nadelfrei" bedeutet, dass kein Einstechen einer Nadel in das Gewebe (Haut) erforderlich ist, vielmehr ist die erfindungsgemäße Vorrichtung zur Injektion geeignet, ohne jedoch von einer Nadel im weitesten Sinne Gebrauch zu machen. Synonym kann von„nadelloser" Injektion gesprochen werden.
Der Begriff „nadelfreie subkutane Applikation" bedeutet, dass ein Protein parenteral oder transdermal verabreicht wird, wobei die Applikation das Gewebe unter der Haut betrifft. Diese Unterhaut (Tela subcutanea oder Subcutis) besteht im Wesentlichen aus dem unmittelbar unter der Haut liegenden Binde- und Fettgewebe. Erfindungsgemäß maßgeblich ist, dass das verabreichte Protein in die Blutbahn durchtritt und im Plasma nachgewiesen werden kann.
Weiterhin betrifft die Erfindung ein Verfahren zur nadelfreien subkutanen Applikation eines Proteins an Mensch oder Tier, wobei a.) eine Vorrichtung zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben,
Betätigungsvorrichtung und Antrieb in die Nähe oder auf eine Hautoberfläche gebracht wird, b.) optional vertikal zur Hautoberfläche ausgerichtet wird und c.) nach Auslösen der Betätigungsvorrichtung mindestens 10 Sekunden an der Hautoberfläche gehalten wird. Das Verfahren kann nach einer der vorgebildeten Ausführungsform einer erfindungsgemäßen Vorrichtung weiter ausgestaltet sein.
Weiterhin betrifft die Erfindung die Verwendung einer Vorrichtung zur Abgabe von Proteinen umfassend eine Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb zur nadelfreien subkutanen Applikation eines Proteins an Mensch oder Tier. Die Verwendung kann nach einer der vorgebildeten Ausführungsform einer erfindungsgemäßen Vorrichtung oder eines erfindungsgemäßen Verfahren weiter ausgestaltet sein.
Darüber hinaus betrifft die Erfindung Mittel enthaltend Proteine zur Verwendung in der nadelfreien subkutanen Applikation eines Proteins an Mensch oder Tier umfassend eine Vorrichtung bestehend aus einer Einheit aus Düse, Kammer, Kolben, Betätigungsvorrichtung und Antrieb. Das Mittel kann nach einer der vorgebildeten Ausführungsform einer erfindungsgemäßen Vorrichtung oder eines erfindungsgemäßen Verfahren weiter ausgestaltet sein.
Nachfolgende Beispiele und Figuren dienen zur näheren Erläuterung der Erfindung, jedoch ohne die Erfindung auf diese zu beschränken.
Beispiel 1 :
Nadelfreies Applikationssystem (auch: Applikator) wird mit 0,5 ml Adalimumab (Humira 40 mg/0,8 ml) befüllt. Pro Applikation werden 25 mg Adalimumab subkutan verabreicht. Als zugelassenes Tiermodell werden Schweine verwendet.
Es werden zeitversetzt Blutproben genommen (200 μΙ EDTA Plasma-Proben) und bei 2500 g für 15 Minuten bei Raumtemperatur zentrifugiert. Die Daten werden pharmakokinetisch nach WinNonlin 7 (Pharsight Corp., Mountain View, CA, USA) ausgewertet und die AUC-Werte werden extrapoliert und ermittelt (linear trapezoidal method).
Figur 1 zeigt eine beispielhafte erfindungsgemäße Vorrichtung bestehend aus einer Einheit mit Düse (1 ), Kammer (2), Kolben (3), Betätigungsvorrichtung (4), Antrieb (5) samt abnehmbarer Kappe (6).
Figur 2 zeigt einen Vergleich von nadelfreier subkutaner Applikation (Dreiecke,„nfi") zur nicht-nadelfreien subkutanen Applikation (Vierecke,„inj"), wobei ausgehend von gleichen/r Mengen/Dosierung die Plasmakonzentration (ng/ml) von Adalimumab aus Beispiel 1 gegen Zeit in Tagen (d) aufgetragen ist. Deutlich sind die überraschend hohen Werte der Plasmakonzentration zur nadelfreien subkutanen Applikation zu erkennen.
Figur 3 zeigt im Längsschnitt im Ausschnitt eine zylindrische Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung (7), welche in eine Düse mündet.
Figur 4a zeigt im Längsschnitt im Ausschnitt zur Figur 3 eine zylindrische Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung (7), welche in eine Düse mündet.
Figur 4b zeigt einen Querschnitt einer zylindrischen Kammer mit einer endständigen radialen Verjüngung (7), welche in eine Düse mündet.
Bezugszeichenliste:
Fig. 1 1 Düse
2 Kammer
3 Kolben
4 Betätigungsvorrichtung
5 Antrieb (hier: Federantrieb)
6 Abnehmbare Kappe
7 Endständige radialen Verjüngung der Kammer, welche in eine Düse mündet
8 Kammerwand