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Verfahren zum Veredeln von Azetatseide.
Der Veredlung von Azetatseide steht deren verhältnismässig grosse Indifferenz gegenüber den hiezu in Frage kommenden Behandlungsverfahren entgegen. Gemäss der Erfindung gelingt die Überwindung dieser Schwierigkeiten dadurch, dass die Azetatseide in einer wässerigen Lösung von Formaldehyd, der Methylalkohol oder ein anderes mit der wässerigen Lösung mischbares und mit Formaldehyd azetatbildendes Hilfsmittel zugesetzt ist, bei gewöhnlicher oder erhöhter, durch die Koehempfindlichkeit begrenzter Temperatur behandelt wird, unter wesentlichem Ausschluss von die Azetylzellulose hydrolysierenden, kondensierenden und lösenden Mitteln.
Das Verfahren eignet sich auch ausgezeichnet zur Vorbehandlung von Azetatseide für das Färben im Strang oder Stück. Durch diese Behandlung wird die Azetylzellulosefaser gequollen und unter Erhaltung des Quellungszustandes werden auch bei gleichzeitig zu erreichender Strukturänderung der Faser mannigfaltige Effekte hervorgerufen.
Die Folge dieser Wirkung besteht beim Faden darin, dass er ein grösseres Volumen annimmt, gleichzeitig wird er im Griff weicher, er verliert den starken Glanz und wird im Aussehen matt bis undurchsichtig weiss. Beim Behandeln von Textilien nach dem Verfahren äussert sich die Wirkung weiter darin, dass die Ware eine dichtere Einstellung erhält und sich in ihrem Aussehen der natürlichen Seide nähert.
Auf Azetatkreppfäden erzielt man ferner einen natürlichen Kreppeffekt, der sieh je nach dem Grade des Krepps auch durch ein entsprechendes Einspringen der Ware äussern kann. Ein weiterer Vorteil des Verfahrens besteht darin, dass die Ware (Strang oder Stück) bei geeignetem Verfahren ein verstärktes Färbevermögen aufweist, u. a. lässt sich die Ware auch durch Zusatz von Farbstoff zum Veredelungsbad selbst ohne weiteres mit den sonst in der Färberei allgemein üblichen Farbstoffen, besonders auch mit wasserlöslichen, dauerhaft färben.
Das Verhalten der Azetatkunstseide gegenüber wässerigen Formaldehydlösungen der bezeichneten Art und bei der vorstehenden Behandlungsweise ist wesentlich verschieden von dem Verhalten anderer Kunstseiden bei der Behandlung nach dem in der Literatur von Escalier (französisches Patent Nr. 374724 und Zusatzpatent Nr. 10760, deutsches Patent Nr. 197965) und von Kaplus (deutsches Patent Nr. 382086) beschriebenen Verfahren.
Diese, lediglich auf die damals in der Praxis bekannten Kunstseiden (Viskose-, Kupferammoniak-, Nitro-und Albuminkunstseide) zu beziehenden Verfahren, bei denen Aldehyde, besonders Formaldehyd, in verhältnismässig geringen Konzentrationen in einem Vakuum oder einer Atmosphäre inerter Gase unter Verwendung von wasserentziehenden Mitteln, wie Säuren, sauren Salzen oder auch Ammoniak u. ähnl., angewandt wird und man die so vorbehandelte Ware einer Nachbehandlung durch Erhitzung und Trocknung unter Anwendung zum Teil sehr hoher Temperaturen, bis 160 C, unterwirft, nehmen eine kondensierende bzw. polymerisierende Wirkung des Aldehyds auf die Faser in Anspruch und wollen hiedurch eine Erhöhung der Zerreissfestigkeit, insbesondere der Nassfestigkeit, erreichen.
Es wurde ferner bereits vorgeschlagen (österr. Patent Nr. 105353) zwecks Herabsetzung der Quellbarkeit auf Azetylzellulose Formaldehyd oder andere Aldehyde bei Zimmertemperatur oder unterhalb 1000 C einwirken zu lassen. Die angestrebte Wirkung wurde jedoch nicht erzielt, während neue Effekte nicht beobachtet wurden.
Ganz anders verhält sich jedoch die Azetatseide bei der hier beschriebenen Behandlung. Die wesentliche Wirkung besteht in einer Quellung der Azetatfaser, die anscheinend dadurch zustande kommt,
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dass aus der verhältnismässig starken wässerigen Lösung der Formaldehyd als Azetal an den Zusatzstoff gebunden in die Fasersubstanz eintritt. Nach dem späteren Austreten dieser Produkte aus der Faser durch Auswaschen und Verdunsten bleibt der Quellungszustand bestehen. Eine Erhöhung der Festigkeit, insbesondere auch der Nassfestigkeit, findet naturgemäss durch das Quellen nicht statt. Gleichzeitig mit der Quellung der Azetatfaser vollziehen sich bei mässiger Erhöhung der Temperatur des Bades, meist schon bei etwa 400 C, Strukturänderungen an der Faser, die anscheinend durch molekulare Umlagerungen bedingt sind, wie z.
B. neuerdings von K. Hess und Mitarbeitern an Azetylzellulose beschrieben worden ist (Zeitschrift für physikalische Chemie, 7. Bd., S. 1 f. ).
Die durch diese Vorgänge an der Azetatseide hervorgerufenen Effekte sind sehr mannigfaltig.
Von dem der Naturseide näher kommenden Glanz und Griff abgesehen, lässt sich u. a. durch die Quellung bei Azetatkreppfäden leicht ein guter Kreppeffekt erzielen. Die Einstellung des Gewebes wird dichter und dies lässt sich so weit steigern, dass es auf rein chemischem Wege möglich wird, Waren von solcher Dichte herzustellen, wie es auf dem üblichen textiltechnischen Wege nicht zu erreichen ist. Letzteres führt zum Teil zu Waren mit vollkommen neuen Eigenschaften.
Löst man ferner in dem Veredelungsbad gleichzeitig einen Farbstoff auf, so dringt dieser bei dem Quellungsvorgang in die Faser ein, wird von dieser zurückgehalten und färbt sie intensiv und echt.
Das Verfahren gestaltet sich wie folgt : 1. Für Stränge. a) bei gewöhnlicher Temperatur : Erforderlichenfalls wird der Firnis oder das Öl u. dgl. durch ein geeignetes Lösungsmittel entfernt.
Sodann bringt man die Stränge in eine wässerige Lösung von Formaldehyd mit nicht zu geringem Formaldehydgehalt (z. B. 15-35%), der Methylalkohol oder andere mit Wasser mischbare und mit Formaldehyd azetalartige Verbindungen bildende Stoffe, wie Äthyl-, Propyl-, Isopropyl-und Butylalkohol, zugesetzt sind, und lässt sie je nach der Natur der Azetylzellulose und der gewünschten Wirkung kürzere oder längere Zeit in dem Bade. Die Menge des Zusatzes richtet sich gleichfalls nach der Art des Zusatzes und der zu erzielenden Wirkung. Sie beträgt in der Regel etwa 10-30 Raumprozente der Lösung.
Nach Ablauf der für die Wirkung erforderlichen Zeit werden die Stränge aus dem Bad genommen, von der anhaftenden Badflüssigkeit durch Auswinden, Abschleudern oder sonstwie befreit, mit Wasser gewaschen und getrocknet. b) bei erhöhter Temperatur : Man erwärmt die Stränge in dem Bad je nach der chemischen Eigenart der betreffenden Azetylzellulose ungefähr 1-2 Stunden lang bis auf etwa 40-50 C.
Im Falle a) erhält man einen mehr oder weniger voluminösen und weichen Faden von matterem Aussehen, der bei entsprechend intensiver Behandlung und chemischer Eigenart der Azetylzellulose eine gewisse wellige Beschaffenheit der Einzelfäden aufweisen kann.
Im Falle b) ist der Faden undurchsichtig weiss, matt und weich und besitzt einen gewissen Nerv.
2. Für Textilien und Azetatseide ist das Verfahren im wesentlichen das gleiche wie vorstehend. Stuhlrohe Ware ist vorher zu entsehlichten.
Bei ausgerüsteter, gefärbter Ware vollzieht sich gleichzeitig eine Umfärbung, wobei der Farbstoff auch in die inneren Schichten des Fadens übergeht.
Die gebrauchten Lösungen sind unter Umständen nach entsprechender Regenerierung für fernere Behandlung weiter benutzbar.
Ausführungsbeispiele : 1. Stränge : a) Strang (120 d 32/150, geölt) wird. bei gewöhnlicher Temperatur in 30% ige wässerige Formaldehydlösung, der 30V olumenprozente Methylalkohol zugesetzt sind, getaucht. Alsbald wird die Volumenvergrösserung des Fadens daran erkennbar, dass die zwischen den einzelnen Teilfäden eingeschlossene Luft in Bläschen austritt. Man lässt den Strang mindestens so lange im Bad, bis die letztere Erscheinung aufhört.
Befund : Voluminöser, mattierter Faden mit weichem Griff. b) Strang (60 d, schwach geölt) wird im Bad von vorstehender Zusammensetzung eine Stunde lang auf 45 C erwärmt und sodann ausgewaschen und getrocknet.
Befund : Sehr voluminös, mattiert und durchsichtig weiss, weicher Griff bei gewissem Nerv.
2. Stoffe : a) Taffet, Behandlung wie vorstehend unter 1 b).
Befund : Vornehm matter Glanz, Breiteneingang der nicht gespannten Ware 15%, fein seiden- ähnlich ; Griff trotz mangelnder Ausrüstung nicht strohig.
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b) Crêpe de Chine mit Azetatkrepp wie vorstehend behandelt.
Befund : Gut mattiert, Breiteneingang (ungespannt) etwa 15%, natürlicher Kreppeffekt ; Warenbild ; fein, seidenähnlich Griff sehr weich. e) Voile (mit Farbmuster bedruckt).
In den Gemischen 30% wässeriges Formaldehyd + 30 Volumenprozent Methylalkohol bzw.
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lang bei gewöhnlicher Temperatur behandelt.
Befund : Starke Verdichtung, Druckmuster entsprechend enger, erinnert im Aussehen an Crêpe Georgette. cl) Charmeuse (zweimasehig) in 30% igem Formaldehyd mit 20 Volumenprozent Propylalkohol nach dreistündigem Stehen bei gewöhnlicher Temperatur.
Befund : Mattiert, sehr viel dichter, Griff sehr weich. Nach einstündigem Erwärmen im obigen Bad auf 45 C.
Befund : Mattiert, vollkommen dicht. e) Satin, lederartig bedruckt, in 30%igem Formaldehyd mit 20 Volumenprozent Methylalkohol und mehrere Stunden lang bei gewöhnlicher Temperatur stehen lassen oder eine Stunde lang auf 40 C erwärmt.
Befund : Vornehm, matt, sehr weich. Die Wirkung des Druckmusters ist geradezu umgekehrt und erinnert an gewebte Muster (Damast).
3. Stoffe, gleichzeitig veredelt und gefärbt.
Kreppartiges Gewebe mit Azetatkrepp. Das entsehliehtete Gewebe weist noch keinen Kreppeffekt auf. Im Bad (30% iges Formaldehyd mit 30 Volumenprozent Methylalkohol) nach Zusatz der verschiedensten, in der Badflüssigkeit löslichen Farbstoffe, wie z. B. Tartrazin, Lichtgrün, Sudan, Methylviolett, in der Kälte mehrere Stunden lang stehen lassen.
Befund : Starker Kreppeffekt, gleichmässige schöne Färbung bei mattem, seidenähnlichem Glanz und weichem Griff.