Verwendung von Tracer sowie Verfahren mit Verwendung von Tracer
Die Erfindung betrifft die Verwendung von Tracer in Hochtemperaturzonen gemäß des Oberbegriff des ersten Patentanspruchs sowie ein Verfahren zur Ermittlung von Lauf- oder Verweilzeiten in einer Hochtemperaturzone mit Verwendung von Tracer gemäß des Oberbegriffs des sechsten Patentanspruchs.
Tracer sind leicht nachweisbare Stoffe, welche in geringen Konzentrationen einem Prozess zur Prozessverfolgung oder -Überwachung beigefügt werden und dabei den Prozess nicht beeinflussen. Die Tracer müssen insbesondere gut von den bereits im Prozess enthaltenen Stoffen unterscheidbar sein.
Für den Betrieb von Verbrennungs- und anderen Hochtemperaturanlagen gelten eine Vielzahl von Bestimmungen, welche eine Prozessüberwachung erforderlich machen. Nationale gesetzliche Bestimmungen für den Betrieb von Verbrennungsanlagen verlangen dabei nicht nur die Einhaltung von Emissionsgrenzwerten, sondern oft auch eine detaillierte Dokumentation des Betriebs der jeweiligen Verbrennungsanlage. Gemäß der in Deutschland für den Betrieb von Müllverbrennungsanlagen verbindlichen 17. Bundesimmis- sionsschutzverordnung (17. BImSchV) ist daher neben der Abgastemperatur und dem Restsauerstoffgehalt insbesondere auch die Min- destverweilzeit der Rauchgase bei einer definierten Mindesttemperatur nachzuweisen. Insofern ist sind Verweilzeitmessungen in Verbrennungsanlagen allgemein von großer Relevanz.
Für Verweilzeituntersuchungen an Verbrennungsanlagen ist der Einsatz von Tracern bekannt. In Hochtemperaturzonen mit Temperaturen von ca. 1000°C scheiden jedoch die meisten Tracer aus, wie z. B. der Einsatz von Farbstoffen inklusive deren kolorimetri- sche Bestimmung mittels Absorptions- oder Extinktionsverfahren.
In [1, 2, 3] werden Radionuklide als Tracer für Hochtemperaturprozesse vorgeschlagen.
Radionuklide erscheinen als Tracer für Hochtemperaturbereiche in Verbrennungsanlagen als ideal. Sie sind einerseits inert, beeinflussen damit den Verbrennungsprozess nicht und sind andererseits aufgrund ihrer Radioaktivität auch bei kleineren Dosen leicht detektierbar.
Der Einsatz von Radionuklide erfordert jedoch einen erheblichen sicherheitstechnischen Aufwand, wie das Einrichten eines Kontrollbereiches, die Bereitstellung von Strahlenschutzpersonal sowie einen zunehmenden Genehmigungsaufwand.
Ausgehend davon liegt der Erfindung die Aufgabe zugrunde, die Verwendung eines Tracers für den Einsatz in Hochtemperaturzonen oberhalb 700°C ohne die genannten Nachteile von Radionukliden vorzuschlagen.
Die Aufgabe wird durch die Merkmale des ersten und des sechsten Patentanspruchs gelöst. In den Unteransprüchen sind bevorzugte Ausgestaltungen angegeben.
Erfindungsgemäß wird die Verwendung von Stoffen als Tracer für Hochtemperaturanwendungen sowie ein Verfahren zur Ermittlung von Lauf- oder Verweilzeiten in einer Hochtemperaturzone bei Verwendung dieser Stoffe als Tracer vorgeschlagen. Derartige Stoffe setzen durch thermische Dissoziation Metallatome frei, die sich hochempfindlich und selektiv spektroskopisch nachweisen lassen. Besonders mittels Laser-in-situ-Absorptionsspektroskopie können diese Atome (z.B. Alkaliatome) schnell, effizient und vor allem ohne eine die Messung verfälschende Probenahme quantitativ nachgewiesen werden. Bei einem Einsatz in Verbrennungsanlagen sind diese Stoffe mit den Metallatomen zu wählen, welche im Brennstoff nur in geringen Konzentrationen vorhanden sind.
Für Müllverbrennungsanlagen eignen sich hierzu besonders Salze, insbesondere Alkalisalze, wie z.B. Li- oder Rb-Salze oder Erdalkalisalze, deren Metallatome in dem zu verbrennenden Abfall nicht oder nur in Spuren vorhanden sind.
Der Stoff wird in der Regel staubförmig, als wässrige Lösung oder Suspension impulsartig oder einer definierten zeitlichen Testsignalfolge folgend beispielsweise mittels einer Zerstäuberlanze in den Reaktionsraum (Verbrennungskammer) der Verbrennungsanlage als Staubwolke, feiner Nebel oder Aerosol eingespritzt und dosiert. Alternativ lässt sich der Tracer auch auf anderem Wege in den Reaktionsraum einbringen, beispielsweise in einem geschlossenen Behälter mit Hilfe einer Schleuse, wobei der Behälter über die im Hochtemperaturbereich vorherrschenden Temperaturen mittels Pyrolyse, Schmelzen oder Verbrennung geöffnet wird und den Tracer stoßartig freisetzt. Andere Methoden zum Einbringen des Tracers sind z.B. die Imprägnierung der Brennstoffe Kohle, Müll, Holz oder eines anderen Brennstoffs oder über einen Betriebsstoff.
Mittels eines spektroskopischen Verfahrens, vorzugsweise der Laser Absorptionsspektroskopie oder der Emissionsspektroskopie werden die Metallatome in Echtzeit als ein zeitabhängiges und konzentrationsproportionales Signal quantitativ erfasst. Trägt man diese Signale über die Zeit auf, erhält man ein zeitlichen Konzentrationsdiagramm.
Erfasst das spektroskopische Verfahren den Reaktionsraum oder einen anderen Volumenbereichs der Hochtemperaturzone der Verbrennungsanlage, erhält man die unmittelbare zeitabhängige Konzentration des Tracers in diesem Raum.
Alternativ kann das spektroskopische Verfahren auch für die Überwachung eines Volumenbereichs der Hochtemperaturzone eingesetzt werden, welches dem Reaktionsraum oder einem anderen Bereichs der Hochtemperaturzone, in den der Tracer eingebracht wurde, nachgeschaltet ist. In diesem Fall werden die Anteile des Tracers überwacht, welche den Bereich, in den sie einbracht wurden, verlassen. Ein impulsartiges Einbringen des Tracers in einen Bereich der Hochtemperaturzone wird auf diese Weise zeitversetzt spektroskopisch als Antwortimpuls quantitativ erfasst. An-
dere in der Literatur [3] beschriebene aperiodische Testsignale (z.B. Sprung-, Rechteckimpuls-, Dreiecksimpuls-, Trapezimpuls-, Halbsinusimpuls- und Schrittfunktionen sowie Rampen- oder Ausgleichsfunktion) oder auch periodische Testsignale sind möglich, wobei diese als entsprechende Antwortsignalfolge erfassbar sind.
Die mittlere Verweilzeit sowie die Verweilzeitfunktionen lassen aus dem zeitabhängigen Konzentrationsverlauf im Reaktionsraum mit Hilfe von bekannten Auswertealgorithmen berechnen [4, 5].
Mögliche Einflüsse von Temperaturänderungen auf das erfasste konzentrationsproportionales Signal oder von Reaktionen der Metallatome mit den Rauchgasbestandteilen (z.B. 02) treten bei Einhaltung von stationären Verbrennungsbedingungen während der kurzen Messzeiten (1 bis maximal 120 Sekunden) nicht in Erscheinung. Temperaturänderungen beeinflussen die Freisetzung der Traceratome aus den Stoffen durch thermische Dissoziation bzw. bei der Emissionstechnik auch den Anteil der angeregten Metallatome. Deshalb wird angestrebt, zum Zeitpunkt der Messung die Temperatur etwa konstant zu halten.
Sollte jedoch eine Korrektur dieser Einflüsse dennoch erforderlich sein, kann dies nur über mit bekannten Gleichgewichtskonstanten und bekannten Temperaturabhängigkeiten durch eine nachträgliche Korrektur der Messdaten erfolgen.
Für eine zuverlässige Verweilzeitbestimmung in Reaktionsräumen mit Hilfe von experimentell aufgenommenen Verweilzeitspektren unter Verwendung von Tracern ist es bislang allgemein erforderlich, dass sich ein zugeführte Tracer als Indikatorsubstanz unter den Einsatzbedingungen inert verhält. In dem vorliegenden Fall wird dagegen das als Tracer zugesetzte Salz zu einem geringen Anteil thermisch dissoziiert, wobei sich die Zersetzungsprodukte in einem Gleichgewicht befinden. Die freien Metallatome werden dabei durch die zuvor genannten spektroskopische Verfahren nachgewiesen. Dies ermögliche deren hochempfindliche quantitative probenahmefreie und schnelle Erfassung.
Die Erfindung wird im folgenden anhand eines Ausfuhrungsbeispiels mit den folgenden Figuren naher erläutert. Es zeigen
Fig. 1 ein differentielles Verweilzeitverteilungsspektrum,
Fig. 2 ein dimensionsloses differentielles Verweilzeitverteilungsspektrum, sowie
Fig. 3 ein dimensionsloses integrales Verweilzeitspektrum
Im beschriebenen Ausfuhrungsbeispiel wird exemplarisch die Verwendung von Kaliumchlorid (KC1) als Tracer für die Verweilzeitbestimmung in der Mullverbrennungsanlage THERESA des Forschungszentrums Karlsruhe beschrieben. Dabei wurde 69g KC1 in 300ml Wasser zu einer wassrigen Losung eingemischt, diese in eine Polyethylenflasche eingefüllt und ohne Unterbrechung oder Beeinflussung des laufenden Betriebs in das Drehrohr, d. h. die Verbrennungskammer eingeführt. Durch die spontan einsetzende Verbrennung der Polyethylenflasche und durch die Entweichung der wassrigen Losung erfolgt eine spontane stoßartige Freisetzung des Tracers in die Verbrennungskammer . Im Ausfuhrungsbeispiel wurde für die spektroskopische Erfassung der Kaliumatome eine in situ Laser-Absorptionsspektroskopie vorgesehen, welche in der der Verbrennungskammer nachgeschalteten Nachbrennkammer angeordnet ist und die Impulsantwort als ein zeitabhängiges konzentrationsproportionales Signal der Metallatome des Tracers erfasst.
Fig. 1 zeigt die differentielle Verweilzeitverteilungsfunktion
(mit cTι = den gemessenen Konzentrationen des Tracers zum Zeitpunkt tx, wobei i eine fortlaufende Nummerierung der Messwerte angibt) über die Zeit t [s] . Man erkennt, dass der Großteil Tracer in einem Zeitfenster zwischen 2 und 26 s nach dem impulsar-
tigen Einbringen des Tracers erfasst wird. Die Messdaten werden mit einem Takt von 6 Hz aufgenommen. Für das vorliegende Anwendungsbeispiel wurden die Daten nachtraglich auf einen zeitlichen
Taktabstand von Δti = 0,5 s gemittelt.
Die mittlere Verweilzeit t errechnet sich aus
∑t. - Cn t = =1
[s;
∑cτ, ι=\
womit sich im vorliegenden Anwendungsbeispiel eine mittlere Verweilzeit zwischen dem Drehrohr, in dem das impulsweise Einbringen des Tracers erfolgt, und dem Austritt aus der Nachbrennkammer, wo der Tracer spektroskopisch erfasst wird, von t = 15,4 s ergibt .
Alternative Darstellungsarten ergeben sich aus den Figuren 2 und 3. In Fig. 2 ist ein dimensionsloses differentielles Verweil- zeitverteilungsspektrum dargestellt, welches sich von dem in Fig. 1 dargestellten Diagramm lediglich nur darin unterscheidet, dass die Zeitachse t [s] durch eine dimensionslose Zeitachse τ [s] mit
t
ersetzt wurde. Fig. 3 zeigt dagegen ein dimensionsloses integrales Verweilzeitspektrum mit der dimensionslosen integralen Verweilzeitverteilungsfunktion I*
I*(τ*)=l-∑E (τ.)Δτ [ ]
mit E*1(τ1) = der dimensionslosen differentiellen Verweilzeitver-
teilungsf unktion
E*(r) = t E(t) [ ]
und Δτ = der dimensionslosen Taktabstand entsprechend Δt .
Literatur :
[1] A. Merz, H. Vogg: Fortschritte verfahrenstechnischer Forschung durch die Radionuklidtechnik, Chem. Ing.-Tech. 50 (1978), 2, S.108-113
[2] W. Pippel: Verweilzeitanalysen in technologischen
Strömungssystemen: Akademie-Verlag, Berlin, 1978, S.14-21
[3] S. Weiss (Hrsg.): S. Kattanek: Verfahrenstechnische Berechnungsmethoden, Teil 8: Experimente in der Verfahrenstechnik: Vorbereitung, Durchführung und Auswertung: VCH Weinheim, 1985
[4] S. Weiss (Hrsg.), R. Adler: Verfahrenstechnische
Berechnungsmethoden, Teil 5: Reaktoren: Ausrüstungen und ihre Berechnungen: VCH Weinheim, 1987
[5] Chemical Reaction Engineering, Octave Levenspiel, John Wiley & Sons, Inc. New York, 1972