PHARMAZEUTISCHES PRÄPARAT ZUR KONTRAZEPTION
Beschreibung
Gebiet der Erfindung
Die Erfindung betrifft eine pharmazeutische Zusammensetzung , enthaltend Dienogest in einer Menge, die bei der Gabe der Zusammenset- zung einer Tagesdosiseinheit von 1.5 mg oder 2.0 mg entspricht und enthaltend Ethinylestradiol in einer Menge, die bei der Gabe der Zusammensetzung einer Tagesdosiseinheit von 0.015 mg oder 0.020 mg entspricht , gemeinsam mit einem oder mehreren pharmazeutisch annehmbaren Trägern für mindestens 21 Tagesdosiseinheiten. Ferner betrifft die Erfindung ein pharmazeutisches Präparat zur oralen Kontrazeption, 1 .5 mg 17α-Cyanomethyl-17-ß-hydroxyestra-4,9-dien- 3on (Dienogest) und 0.015 oder 0.020 mg 17α-Ethinylestradiol (Ethinylestradiol) oder 2.0 mg Dienogest und 0.015 mg Ethinylestradiol enthaltend, gemeinsam mit einem oder mehreren pharmazeutisch an- nehmbaren Trägern zu mindestens 21 Tagesdosiseinheiten eines 28- tägigen Menstruationszyklus.
Allgemeiner Stand der Technik
Orale empfängnisverhütende Mittel, bestehend aus einer Gestagen- komponente und einer Östrogenkomponente, kamen erstmals in den frühen 60er Jahren auf den Markt. Drei wesentliche Eigenschaften charakterisieren das Profil der "Verhütungspille": kontrazeptive Sicherheit, eine sehr gute Zykluskontrolle sowie ein Minimum an Nebenwirkungen. Die kontrazeptive Sicherheit beruht in erster Linie auf der Gestagen- komponente. Diese bewirkt eine Hemmung der Gonadotropinfreisetzung in der Hypophyse sowie eine Inhibierung der Ovulation. Außerdem führt die periphere Wirkung des Gestagens auf das Endometrium zur verminderten Wahrscheinlichkeit für die Implantation der befruchteten Ei- zelle; auf die Zervix zur Sekretion von zähem Sekret, welches die
Spermien in der Gebärmutter reduziert. Auch ist eine periphere Wirkung auf die Eileiter zu verzeichnen.
Die Östrogenkomponente verstärkt den anovulatorischen Effekt des Gestagens und ist verantwortlich für eine akzeptable Zykluskontrolle. Seit Einführung hormoneller Kontrazeptiva ist die Forschung auf die Entwicklung von Präparaten gerichtet, die bei gleichbleibend guter kontrazeptiver Sicherheit und Zykluskontrolle unerwünschte Nebenwirkungen, wie beispielsweise arterielle und venöse Thrombosen und Beeinflussung des Kohlehydrat- und Fettstoffwechsels, reduziert. Derarti- ge Nebenwirkungen sind vor allem von oralen Kontrazeptiva der ersten Generation bekannt, welche einen höheren Gehalt an Gestagen und Östrogen enthielten, als zur Empfängnisverhütung notwendig war.
VvO 98/004269 offenbart u. a. die orale Verabreichung einer Kombinati- on von 250 μg - 4 mg Dienogest und 10 μg - 20 μg Ethinylestradiol zur Empfängnisverhütung. Um die wesentliche Verringerung des pro Zyklus verabreichten gesamten empfängnisverhütenden Steroids zu erreichen, während eine gute Zykluskontrolle beibehalten wird, verabreicht man die niedrig dosierte Gestagen/Östrogen-Kombination für 23 bis 25 Tage eines 28-tägigen Menstruationszyklus. Jedoch werden in der Patentschrift keine Ergebnisse und Angaben offenbart, die belegen, dass die erfinderische Idee auch zum Erfolg führt.
WO 01 /015701 beansprucht eine pharmazeutische Zusammensetzung auch zur oralen Verabreichung von 21 Tagen eines 28-tägigen Menst- ruationszyklus, die Drospirenon und Ethinylestradiol u. a. auch niedrig dosiert enthält, wobei Drospirenon in mikronisierter Form vorliegt. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf eine schnelle Freisetzung der Steroide gelegt. Aus der Fach- und Patentliteratur ist bekannt, dass steroidale Wirkstof- fe durch das Cytochrom P 450 Enzymsystem metabolisiert werden, welches auch gleichzeitig für den Abbau einer Reihe von Arzneimitteln verantwortlich ist. Bestimmte Arzneimittel, wie Barbiturate, Antiepileptika und ausgewählte Virostatika, induzieren dieses Enzymsystem und vermindern die Wirkstoffkonzentration der Steroide im Blut. Um dies auszugleichen, müsste eigentlich der Gestagengehalt gesteigert oder
zumindest beibehalten und nicht reduziert werden, welches jedoch vorbezeichnete Nebenwirkungen auslöst.
Detaillierte Offenbarung der Erfindung
Der Erfindung liegt die Aufgabe zugrunde, eine pharmazeutische Zusammensetzung auf Basis von Dienogest und Ethinylestradiol aufzuzeigen, in welcher die steroidale Gesamtdosierung reduziert ist, gleichzeitig das Gleichgewichtes zwischen Dienogest und Ethinylestra- diol erhalten bleibt, die kontrazeptive Wirksamkeit und eine gute Zykluskontrolle realisiert und Nebenwirkungen, wie beispielsweise zusätzliches Absinken der Wirkstoffspiegel im Blut bei gleichzeitiger Einnahme weiterer Arzneimittel, ausgleicht. Diese Aufgabe wird erfindungsgemäß durch eine pharmazeutische Zu- sammensetzung , enthaltend Dienogest in einer Menge, die bei der Gabe der Zusammensetzung einer Tagesdosiseinheit von 1.5 mg oder 2.0 mg entspricht und enthaltend Ethinylestradiol in einer Menge, die bei der Gabe der Zusammensetzung einer Tagesdosiseinheit von 0.015 mg oder 0.020 mg entspricht , gemeinsam mit einem oder meh- reren pharmazeutisch annehmbaren Trägern für mindestens 21 Tages- dosiseinheiten gelöst.
Auch wird die Aufgabe erfindungsgemäß durch ein pharmazeutisches Präparat zur oralen Kontrazeption, 1.5 mg 17α-Cyanomethyl-17-ß- hydroxyestra-4,9-dien-3on (Dienogest) und 0.015 oder 0.020 mg 17α- Ethinylestradiol (Ethinylestradiol) oder 2.0 mg Dienogest und 0.015 mg Ethinylestradiol enthaltend, gemeinsam mit einem oder mehreren pharmazeutisch annehmbaren Trägern zu mindestens 21 Tagesdosis- einheiten eines 28-tägigen Menstruationszyklus gelöst. Aus dem Wortlaut des Patentanspruchs 2 wird dabei deutlich, dass die Pillenanwenderinnen mindestens 21 Tage lang die Pille einnehmen und 7 pillenfreie Tage einlegen. Die Aussage ,21 Tage eines 28-tägigen Menstruationszyklus' ist in ihrer Bedeutung und Reichweite auf dem Gebiet der hormonellen Empfängnisverhütung gleichzusetzen mit der Aussage ,21 Tage Hormonpille + 7 pillenfreie Tage' auf dem Gebiet. Die Wirkstoffkombination Dienogest/Ethinylestradiol ist gemeinsam mit einem oder mehreren pharmazeutisch annehmbaren Trägern oder Arz-
neimittelträgern im pharmazeutischen Präparat eingebracht. Ausführungsformen sind pharmazeutische Präparate in Form von Tablettenzubereitungen. Dabei ist das pharmazeutische Präparat eine Filmtablette ist, bestehend aus einem Tablettenkern mit einem Gehalt an Dienogest und einem wirkstoffhaltigen Filmüberzug mit einem Gehalt an Dienogest und einem Gesamtgehait an Ethinylestradiol.
In einer besonderen Ausgestaltungsform des erfindungsgemäßen pharmazeutischen Präparates wird der Anteil an Dienogest aus dem Tablettenkern zu mindestens 30 %, vorzugsweise 50 % an Dienogest verzögert nach größer 30 Min und der Anteil an Dienogest ebenso wie der Gesamtgehalt an Ethinylestradiol aus dem Filmüberzug zu mindestens 75 % in maximal 45 Min, vorzugsweise zu 70 % in 30 Min heraus gelöst , wie mit dem Dissolutionstest unter Verwendung von Was- ser mit 37 0C als Dissolutionmedium und 50 U/Min als Rührgeschwindigkeit bestimmt.
Es ist auch denkbar, dass gemeinsam mit dem Anteil an Dienogest ein Anteil an Ethinylestradiol vom Gesamtgehalt an Ethinylestradiol verzögert, vorzugsweise aus dem Tablettenkern, freigesetzt wird.
Bei geeigneten Ausführungsformen des erfindungsgemäßen pharmazeutischen Präparates kann die Anzahl der Tagesdosiseinheiten 22, 23, 24 oder 25 Tagesdosiseinheiten betragen und die Anzahl der wirkstofffreien Tagesdosiseinheiten beträgt dann 6, 5, 4 oder 3 im 28-tägigen Menstruationszyklus.
Es wurde gefunden, dass überraschenderweise die teilweise verzögerte Auflösung (Freisetzung) des Dienogest aus den Tablettenzubereitungen die niedrige Dosierung der Wirkstoffkombination Dieno- gest/Ethinylestradiol im erfindungsgemäßen Bereich ermöglicht. In der beigefügten Abbildung 1 sind Kurven gemäß den entsprechenden Freisetzungsprofilen einer Filmtablette der Gesamtdosis 1.5 mg Dienogest und 0.015 mg Ethinylestradiol aufgezeigt. Es ist deutlich die anteilige Freisetzung von Dienogest in zwei Phasen, d. h. eine retardierende (verzögerte) Freisetzung und eine nicht retardierende (schnelle) Freisetzung ersichtlich - siehe hierzu die gestrichelten Markierungen bei 30 Min. und 45 Min. Ferner ist weiterhin ersichtlich, dass nach Ab-
lauf von 30 Min. bzw. von 45 Min. der retardierend (verzögert) freigesetzte Anteil an Dienogest größer 30 %, bevorzugt 50 % beträgt, wie bereits dargelegt. Ein Freisetzungsverhalten von mindestens 75 % der Wirkstoffdosis innerhalb von 45 Min., vorzugsweise 70 % in 30 Min. wird schnell freisetzend genannt .
Auch hat sich herausgestellt, dass die Wirkstoffkombination im erfindungsgemäßen pharmazeutischen Präparat neben der Empfängnisverhütung antiandrogene Eigenschaften besitzt und daher bei der Prophylaxe und Therapie von androgeninduzierten Störungen, insbesondere von Akne, verwendet werden kann.
Es kann die Kombination von 1.5 mg bis 2.0 mg Dienogest und 0.015 mg bis 0.020 mg Ethinylestradiol zur Herstellung eines pharmazeutischen Präparates bzw. zur Zubereitung einer pharmazeutischen Zusammensetzung erfindungsgemäß zur Hemmung der Ovulation verwen- det werden.
Empfängnisverhütende Wirksamkeit von Formulierungen, die Dienogest und Ethinylestradiol enthalten
In einer randomisierten, offenen klinischen Studie wurden 40 Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, die ihr schriftliches Einverständnis zur Studienteilnahme gegeben hatten, mit 2 verschiedenen Formulierung, die Dienogest und Ethinylestradiol enthielten, behandelt. Die erste Formulierung (A) entsprach einer Kombination von 2 mg Die- nogest (nicht verzögert freigesetzt) und 0.02 mg Ethinylestradiol. Die zweite Formulierung (B) bestand aus einer Kombination aus 1 .5 mg Dienogest (zu 50 % = 0.75 mg verzögert freigesetzt) und 0.02 mg Ethinylestradiol. Der Versuch umfasste einen Vorbehandlungszyklus (Wash-out-Phase), 3 Behandlungszyklen und einen Nachbehandlungszyklus (Follow-up- Phase).
Zu festgelegten Zeitpunkten (vor Beginn des ersten Behandlungszyklus, am Ende des dritten Behandlungszyklus) werden verschiedene laborchemische und funktionsdiagnostische Untersuchungen durchge- führt.
Zum Nachweis der ovulationshemmenden Wirkung wurden FSH, LH, Estradiol, Progesteron, „Spinnbarkeit" und Farnkrautphänomen untersucht. Die Follikelreifung wurde mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung geprüft. Außerdem wurden SHBG, CBG, Gesamttestosteron, Triglyceride, Cholesterin, HDL, LDL, Glukose im Serum bestimmt sowie Blutdruck, Herzfrequenz, Körpergewicht und Blutungsverhalten registriert. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass beide Formulierungen die O- vulation sicher hemmen, was durch den Abfall von LH, FSH, Progeste- ron und Estradiol während der Behandlungszyklen belegt wird. In beiden Gruppen konnte durch die begleitende Ultraschalluntersuchung ein F'ollikelwachstum nachgewiesen werden, dass aber bei keiner Studienteilnehmerin zur Follikelruptur und damit zur Ovulation (Eisprung) führ- te. Bei 3 Frauen, die mit der Formulierung A behandelt wurden, konn- ten im Behandlungszyklus 2 und 3 so genannte LUFs (luteinized unrup- tured follicles) nachgewiesen werden, die einen Hinweis für stattgefundene Follikelreifung aber ausgebliebene Ovulation darstellen. SHBG und CB stiegen in beiden Behandlungsgruppen in vergleichbarer Weise an. Die hauptsächlich durch die Gestagenkomponente der Präparate beeinflussten Parameter „Spinnbarkeit" und Farnkrautphänomen waren in der mit der Formulierung B behandelten Gruppe tendenziell stärker vermindert als in der Vergleichsgruppe. Der Unterschied erreichte jedoch keine statistische Signifikanz. Der Anstieg von HDL-Cholesterol und der Abfall von LDL-Cholesterol war in der Behandlungsgruppe B signifikant stärker ausgeprägt als in der Gruppe A. Triglyceride und Gesamcholesterol zeigten in beiden Gruppen vergleichbare Veränderungen. Die Glukosetoleranz blieb in beiden Gruppen weitgehend un- beeinflusst. Gesamttestosteron nahm in vergleichbarer Weise und signifikant in beiden Behandlungsgruppen ab. Die subjektive und objektive Verträglichkeit der Formulierung B wurde als günstiger eingeschätzt. Es traten weniger Zwischenblutungen, insbesondere im ersten Behandlungszyklus auf. Auch die Intensität der regulären Gestagenentzugsblutung (in der Pillenpause) war geringer. Außerdem berichteten Frauen, die mit der Formulierung B behandelt wurden, über weniger prämenstruelle Beschwerden (Kopfschmerzen,
Bauchschmerzen). Hinsichtlich Blutdruck, Herzfrequenz und
Körpergewicht wurden keine Unterschiede zwischen den Gruppen und im zeitlichen Verlauf gefunden.
Die durchgeführte Studie hat gezeigt, dass beide Präparate den Ei- sprung bei allen Freiwilligen sicher verhindert haben. Es wurde eine Tendenz zu verstärkten, peripheren antikontrazeptiven Effekten unter der Formulierung B festgestellt. Einige ungünstige Nebenwirkungen (Blutungsunregelmäßigkeiten, prämenstruelle Beschwerden) traten unter der Formulierung B signifikant seltener auf. Für die Formulierung B wurde ein günstigeres Lipidprofil ermittelt.
Öie Ergebnisse zeigen, dass durch eine verzögerte Auflösung (Freisetzung) von Dienogest eine niedrige Dosierung sowohl von Dienogest als auch von Ethinylestradiol ermöglicht wird (Formulierung B), d.h. die steroidale Gesamtdosierung reduziert ist und gleichzeitig dem Bedarf eines Gleichgewichtes zwischen Dienogest und Ethinylestradiol entsprochen wird. Ebenfalls wird eine gute kontrazeptive Wirksamkeit und Zykluskontrolle realisiert und derartige Nebenwirkungen, wie beispielsweise zusätzliches Absinken der Wirkstoffspiegel im Blut bei gleichzei- tiger Einnahme weiterer Arzneimittel, ausgeglichen.
Bei Reduzierung des Gestagen-(Dienogest)-Gehalts bei gleichem Estrogen-(Ethinylestradiol)-Gehalt unterschiedliche Effekte ist von vornherein zu erwarten , dass sich die Kontrazeptiva-Wirksamkeit ver- schlechtert, keine gute Zykluskontrolle realisiert wird und sich die Nebenwirkungen verstärken, da eine Verschiebung der Balance zwischen Dienogest und Ethinylstradiol erwartet wird.
Entgegen dieser Auffassung zeigen die Ergebnisse, dass durch eine verzögerte Auflösung (Freisetzung) von Dienogest eine niedrige Dosie- rung sowohl von Dienogest als auch von Ethinylestradiol ermöglicht wird (Formulierung B = 1 .5 mg), d. h. die steroidale Gesamtdosierung reduziert ist und gleichzeitig dem Bedarf eines Gleichgewichtes zwischen Dienogest und Ethinylestradiol entsprochen wird. Ebenfalls wird eine gute kontrazeptive Wirksamkeit und Zykluskontrolle realisiert und derartige Nebenwirkungen, wie beispielsweise zusätzliches Absinken
der Wirkstoffspiegel im Blut bei gleichzeitiger Einnahme weiterer
Arzneimittel, ausgeglichen.
Auch die Formulierung A = 2.0 mg Dienogest mit gleichen Ethiny- lestradiol-Gehalt wie in Formulierung B = 0.02 mg Ethinylestradiol , welche eine Niedrigdosierung von Ethinylestradiol im Vergleich zu den konventionellen Präparaten beinhaltet, zeigt nachweisbaren ovulati- onshemmenden Effekt, jedoch nicht so umfassend wie die sowohl im Dienogest-Gehalt als auch Ethinylestradiol-Gehalt niedriger dosierte Formulierung B.