Multimodal veränderte Zellen als Darreichungsform für aktive Substanzen und als diagnostische Partikel
Hintergrund der Erfindung
In den letzten Jahren hat die räumliche und zeitliche Auflösung Bild gebender diagnostischer Verfahren sehr große Fortschritte gemacht. An der Spitze dieser Verfahren stehen tomografi- sehe Verfahren wie Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) sowie Positronemissionstomografie (PET). Es gelingt mit diesen Verfahren, Krankheitsherde im Organismus mit hoher Genauigkeit nachzuweisen und zu lokalisieren. Die pharmakologi¬ schen Wirkstoffe werden jedoch im Allgemeinen immer noch systemisch und nicht zielgenau dargereicht. Einer der Gründe dafür besteht daran, dass die diagnostischen Prinzipien und die Prinzipen der Darreichung der Wirkstoffe auf völlig unabhängigen Verfahren und verschie¬ denartigen Substanzen basieren. [Bildgebende Systeme für die medizinische Diagnostik, Heinz Morneburg, Wiley-VCH Verlag 1995; CT, EBT, MRT und Angiographie, Roland C. Bittner, u. a. Urban & Fischer 2003; Drug Delivery Systems (Pharmacology and Toxicology: Basic and Clinical Aspects), Vasant V. Ranade, Mannfred A. Hollinger CRC Press 2003]
Es gibt eine Fülle von Untersuchungen, aktive Substanzen in biologische Zellen, z.B. Ery¬ throzyten, einzuschließen [Red Blood Cells as Carriers for Drugs, J. R. DeLoach und U. Sprandel (Herausgeber), Bibliotheca Haematologica No. 51 , S. Karger, Basel, 1985; Red Blood Cells as Carriers for Drugs, C. Ropars, M. Chassaigne und C. Nicolau (Herausgeber), Advances in the Biosciences, Volume 67, Pergamon Press, Oxford, New York, 1987; Drug, enzyme and peptide delivery using erythrocytes as carriers, C. Gutierrez Millän et al., Journal of Controlled Release, 95/1, 2004, 27-49; DE 2656317; US 4289756; WO 92/08804]. Die Wirkstoffaufnahme kann dabei so gestaltet werden, dass ein hoher Anteil der Zellen überlebt. Damit ist die Zurückführbarkeit der Zellen in das biologische System gewährleistet. Zu den bisher eingekapselten aktiven Substanzen zählen auch solche, die man heute zu diagnosti¬ schen Zwecken verwenden könnte.
Zusammenfassung der Erfindung
In der vorliegenden Anwendung konnte gezeigt werden, dass sowohl Wirkstoffe als auch dia- gnostisch wirksame Substanzen simultan in die Zellen eingebracht werden können. Überra¬ schenderweise konnten diese multimodal veränderten Zellen mit modernen Bild gebenden Verfahren wieder gefunden werden. Damit kann die der Erfindung zu Grunde liegende Idee realisiert werden, das diagnostische und das Darreichungsprinzip miteinander zu verknüpfen und dieses nachzuweisen. Zusätzlich zu dem diagnostischen und Wirkstoffträgerprinzip las- sen sich die Zellen für eine zielgenaue Darreichung der aktiven Substanzen modifizieren.
Erfindungsgemäß enthalten veränderte menschliche oder tierische Zellen
• mindestens eine aktive Substanz, die in Form von Nanopartikeln vorliegt, und
• mindestens eine diagnostische Substanz.
Insbesondere handelt es sich bei den Zellen um Blutzellen, insbesondere um einen Erythrozy¬ ten. Bei der diagnostischen Substanz kann es sich insbesondere um Magnetit handeln. Es hat sich gezeigt, dass aktive Substanzen in Form von Nanopartikeln besonders gut in Zellen ein¬ gebracht werden können, ohne diese, insbesondere die Zellmembran, zu beschädigen.
Weiterhin wird erfindungsgemäß ein Verfahren zur Veränderung von menschlichen oder tie¬ rischen Zellen mit den Schritten vorgeschlagen:
• Beladen der Zellen mit mindestens einer aktiven Substanz, die in Form von Nanopartikeln vorliegt, und • Beladen der Zellen mit mindestens einer diagnostischen Substanz.
Günstig ist, wenn das Beladen mit mindestens einer aktiven Substanz und mindestens einer diagnostischen Substanz gleichzeitig erfolgt.
Ausführungsbeispiele
( 1) Beladung der Erythrozyten mit Magnetit - MRT
Blut vom Mensch oder Tier wird mit einem Antikoagulanz versetzt. Danach werden die Ery¬ throzyten von den übrigen Blutbestandteilen durch Zentrifugation getrennt. Das Plasma und die übrigen Blutbestandteile werden entfernt. Die Erythrozyten werden in physiologischer Salzlösung gewaschen. Die Erythrozyten werden in eine die Magnetitpartikel enthaltene hy- potone und gekühlte Lösung resuspendiert. Diese Suspension wird ca. 1 Stunde moderat auf einem Rollschüttler bewegt. Nach der Inkubation der Erythrozyten in der Magnetitlösung wird die Suspension zentrifugiert, um die Erythrozyten von der Suspensionslösung zu tren¬ nen. Diese wird entfernt und die Erythrozyten werden in physiologischer Lösung bei Raum¬ temperatur gewaschen. Die Menge des Magnetits, welches sich in den Erythrozyten befindet, kann mittels MRT oder über eine chemische Eisenbestimmung quantifiziert werden. Die mit Magnetit beladenen Erythrozyten können in die Blutbahn des Spenders zurückgegeben wer¬ den, wenn unter sterilen Bedingungen gearbeitet wurde.
(2) Markierung mit Fluoreszenzfarbstoffen (Antikörper) - Nachweis mittels Durchflusszyto- meter
Blutzellen wie z.B. Erythrozyten werden, wie im Ausfuhrungsbeispiel (1) beschrieben, gewa¬ schen. Anschließend werden die Erythrozyten in eine Salzlösung resuspendiert, die mit Fluo¬ reszenzfarbstoffen markierte Polymere enthält . Diese Polymere adsorbieren an die Erythro- zytenoberfläche. Anschließend wird eine geringe Menge dieser Suspension in den Messkanal eines geeigneten Durchflusszytometers eingebracht, so dass jede einzelne Zelle aufgrund der durch die Laserstrahlung angeregten Fluoreszenz detektiert werden. Nichterythrozytäre Be¬ standteile der Suspension werden auf Grund des fehlenden Fluoroszenzsignals als solche er¬ kannt.
Das Ausführungsbeispiel (2) kann mit Ausfuhrungsbeispiel ( 1) kombiniert werden.
(3) Beladung der Erythrozyten mit Endoxan - Nachweis mittels Phagozytose
Erythrozyten, aufbereitet wie im Ausfύhrungsbeispiel ( 1 ), werden in eine, z.B. die aktive Susbtanz Endoxan enthaltende hypotone und gekühlte Lösung resuspendiert. Diese Suspensi- on wird ca. 1 Stunde moderat auf einem Rollschüttler bewegt. Nach Inkubation der Erythro¬ zyten in dieser Lösung wird die Suspension zentrifugiert, um die Erythrozyten von der Sus¬ pensionslösung zu trennen. Diese wird entfernt und die Erythrozyten werden in physiologi¬ scher Lösung bei Raumtemperatur gewaschen. Anschließend werden die mit Endoxan bela- denen Erythrozyten in eine Blutzellkultur gegeben. Die in dieser Kultur befindlichen Mono- zyten und Granulozyten erkennen die behandelten Erythrozyten und phagozytieren diese. Die Menge der phagozytierten Zellen kann mit Hilfe eines Tests erfolgen, der es gestattet, die lebenden Monozyten und Granulozyten von den abgestorbenen zu unterscheiden. Das Ausführungsbeispiel (3) kann mit den Ausführungsbeispielen (1) und (2) kombiniert wer¬ den.
Insbesondere können simultan Magnetit und aktive Substanzen, z.B. Endoxan, in einem Prä¬ parationsverlauf in die Erythrozyten eingeschlossen werden. Die Präparation der Ausfüh¬ rungsbeispiele (1) und (3) sind bis auf die einzuschließende Substanz identisch. Das gilt selbstverständlich nur für miteinander verträgliche Substanzen.
(4) Beschichtung von Erythrozyten mit Polymeren
Die Beschichtung nativer Erythrozyten mit geeigneten Polymeren kann unter Nutzung reiner Adsorption oder unter Nutzung der elektrostatischen Wechselwirkung der Polymere mit der Oberfläche der Erythrozyten erfolgen. Welcher Prozess dominiert, hängt von der Art der ver¬ wendeten Polymere ab. Erythrozyten, behandelt wie im Ausführungsbeispiel (1) oder (3), werden in eine Polymere enthaltene Salzlösung gebracht. Da die Erythrozyten empfindlich auf pH - Änderungen und Salzkonzentrationsänderungen reagieren, was zur Zerstörung der¬ selben führen kann, sind Bedingungen einzuhalten, die von den physiologischen Bedingungen nicht zu stark abweichen. Bei Raumtemperatur werden die Erythrozyten in der Suspension unter moderater Bewegung ca. 30 min inkubiert. Anschließend werden sie zentrifugiert und
die Suspensionslösung von den Erythrozyten getrennt. Vorsichtiges mehrmaliges Waschen der Erythrozyten in geeigneten Salzlösungen entfernt nicht gebundene Polymere. Diesem Schritt können weitere Beschichtungsschritte nach der gleichen Vorgehensweise folgen. Den Erfolg der Beschichtung kann dadurch festgestellt werden, dass z.B. das veränderte Zetapo- tential der Erythrozyten bestimmt wird.
Ausführungsbeispiel (4) kann mit den Ausfύhrungsbeispielen (2), (3) und (4) kombiniert wer¬ den.
Grundsätzlich können durch das erfindungsgemäße Verfahren menschliche oder tierische Zelle verändert werden durch
• Beladung mit mindestens einer aktiven Substanz und
• Beladung mit mindestens einer diagnostischen Substanz.
Ein nach der Veränderung gerichtete Zurückführung der veränderten Zellen in den menschli- chen oder tierischen Körper als zelluläre Darreichungsform für die aktive Substanz und als diagnostisches Zellpartikel ist möglich.
Weiterhin können die veränderten Zellen zusätzlich in der Oberfläche modifiziert werden zum Zwecke der spezifischen Wechselwirkung mit dem biologischen Milieu des Zielorga- nismus oder zum Zwecke der Markierung mit fluoreszenten oder optischen oder magneti¬ schen oder enzymatischen oder diagnostischen Markern.
Bei den veränderten Zellen handelt es sich insbesondere um Blutzellen, wie z.B. Erythrozy¬ ten, Thrombozyten, neutrophile, eosinophile und basophile Granulozyten, Monozyten und Lymphozyten, hämatopoetische Stamm- und Progenitorzellen.
Außerdem kann es sich bei den veränderten Zellen um Zellen anderer Organe des menschli¬ chen und tierischen Organismus oder um genetisch transformierte Zellen handeln.
Die veränderten Zellen können als Darreichungsform für die aktiven Substanzen dienen und enthalten die aktiven Substanzen z.B. in Form von
• Molekülen
• Nanopartikeln
• Koloidale Nanopartikeln
• Mizellen • Molekülkomplexen und -aggregaten
• Emulsionen
• Liposomen und Vesikeln
• Layer-by-Layer-Partikeln
• Zellbestandteilen
Außerdem ist es möglich, dass die veränderten Zellen als Darreichungsform die Substanzen in einer Form enthalten, die durch Wechselwirkung mit körpereigenen Substraten aktiviert wer¬ den.
Ebenso ist es möglich, dass die veränderten Zellen als Darreichungsform radioaktive Substan¬ zen, magnetisierbare oder superparamagentisierbare nanopartikuläre Substanzen enthalten.
Die veränderten Zellen als Darreichungsform, welche aktive Substanzen enthalten, können diese z.B. freisetzten durch • passive Vorgänge wie z.B. Diffusion, Permeation, Osmose
• getriggerte Vorgänge, wie z.B. eine Veränderung der Permeabilität, eine Lysis, Erwärmung, eine mechanische Zerstörung, die einen Resonanzvorgang bewir¬ ken
• Einwirkung von Ultraschall, Laserlicht, magnetischen Feldern, magnetischen Feldpulsen, elektrischen Feldern, elektrischen Feldpulsen
• Wechselwirkung mit anderen Zellen wie z.B. Phagozytose oder Endozytose, Aktivierungsmechanismen
Die veränderten Zellen als diagnostische Partikel können Substanzen enthalten, die nach- weisbar sind mittels
• Kernspinresonanz bzw. Kernspintomografie (MRT)
• Röntgenstrahlen bzw. Röntgencomputertomografie (CT)
• Positronemissionstomografie (PET)
• Fluoreszenzmesstechniken
• Lasertechniken • Ultraschalltechniken
• Infrarottechniken
• Weiterer bildgebender Verfahren
Dabei können die veränderten Zellen als diagnostische Partikel diagnostizierbare Substanzen enthalten wie z.B.
• dreiwertige Kationen
• mehrwertige Ionen
• Luminiszenz bzw.Fluoreszenz- und Phosphoreszenzfarbstoffe
• IR-Absorber • Magnetische und paramagnetische Substanzen wie z.B. Magnetit
• Polariserbare Substanzen
• Röntgenkontrastmittel
• Ultraschallkontrastmittel
Zusätzlich können die veränderten Zellen in ihrer Oberfläche modifiziert werden durch
• PEGylierung
• Kovalente Anbindung von Peptiden, Oligonukleotiden, Oligosaccharide und hybride Formen derselben
• Adsoφtion von Mono- und Multischichten, wie Polyelektrolytmultischichten • Antikörper und Antigene
• Inkorporation von Zellmembranbestandteilen und Zellvesikeln
• Veränderung der Lipidmatrix
• Änderung ihrer mechanischen Eigenschaften
• Adsoφtion von ionischen und molekularen Substanzen • Immobilisierung von Enzymen
• Einbau von Rezeptoren
• Subtanzen, die eine Veränderung der Permeabilitäts- und Stoffaustauscheigen¬ schaften bewirken
Die veränderten Zellen können als Darreichungsform für die aktiven Substanzen und als dia¬ gnostische Zellpartikel verwendet werden
• in isolierten Organen und Organsystemen
• in Zellkulturenin Bioreaktoren oder
• für in vitro Untersuchungen.
Weiterhin sollten die veränderten Zellen als Darreichungsform für die aktiven Substanzen und als diagnostische Zellpartikel gemäß der jeweils geltenden Regeln und Auflagen der guten Labor- und Herstellungspraxis (GLP, GMP) in den Gebieten der Pharmazie, Medizin, Bio¬ technologie und Technik hergestellt werden.