Reduktion der Progression von Myopie mit angepasstem Wirkungsbereich
Beschreibung
Die Erfindung betrifft die Verbesserung der Balance zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit von Brillengläsern bei der Reduktion der Progression von Myopie.
Unter Myopie Management versteht man den Versuch, anormales Längenwachstum des Auges bei Kindern und Jugendlichen, welches zu starker Kurzsichtigkeit führt und unter anderem durch einen zivilisationsbedingten Lebenswandel (wenig Aufenthalt draußen und viel Naharbeit) hervorgerufen wird, unter Kontrolle zu bringen. Ein möglicher Ansatz, um die Progression von Myopie zu kontrollieren, ist das Tragen von speziellen Brillengläsern, welche versuchen, die Fokusebene des Gesichtsfeldes in der Peripherie vor die Netzhaut zu ziehen und so das Längenwachstum des Auges zu bremsen.
Eine Möglichkeit sind Brillengläser mit einem Design ähnlich eines Gleitsichtglas, die in der Peripherie durch eine Addition in der Wirkung die Fokusebene im peripheren Gesichtsfeld vor die Netzhaut bringen. (z.B. US 7,025,460, EP 1 934 648 B1 , WO 2017/222421 A1 , DE 10 2009 053 467 B4). Andere Varianten an Brillengläsern haben eine Vielzahl an kleinen zusätzlichen Wirkungsbereichen (Lenslets, u.ä.), die über das Brillenglas verteilt sind und eine zweite Fokusebene vor der Netzhaut erzeugt. (z.B. CN 104678572 B, US 10268050 B2, WO 2019/166653 A1 , US 8950860 B2, US 10901237 B2, US 11061255 B2). Eine weitere Möglichkeit ist das Einbringen von kleinen Streuern, die den Kontrast in der Peripherie mindern und damit die Progression der Myopie hemmen (z.B. WO 2018026697 A1 ).
All diesen Brillengläsern ist gemein, dass sie einen zentralen Bereich besitzen, der eine gute Sicht durch eine der Verschreibung einer entsprechenden Korrekturwirkung
aufweist, sowie eine periphere Zone, die, aufgrund von Maßnahmen zum Myopie- Management (Lenslets, Wirkungsanstieg oder Streuer), keine gute Sicht ermöglicht. Die Größe der zentralen Zone ist maßgeblich für die Verträglichkeit der Brille, die Größe des peripheren Wirkungsbereichs für den Erfolg des Myopie-Managements. Das Verhältnis der beiden Zonen ist üblicherweise durch das Glasdesign bestimmt und für alle Korrektionswirkungen gleich. Vorschläge einer Anpassung der Zonen an das individuelle Auge werden beispielsweise in EP 3 966 626 A1 beschrieben. Diese basieren auf zusätzlichen Messungen, entweder als periphere Refraktion oder mittels eines psychophysikalischen Verfahrens.
Gerade bei Brillengläsern zur Korrektur von Myopie führt die oft merkliche Tendenz einer Progression der Myopie dazu, dass der Tragekomfort einmal angepasster Brillengläser und damit auch die Zufriedenheit des Brillenträgers und die Verträglichkeit der Brille nach kurzer Zeit wieder sinken.
Bisher wurden verschiedene optische Wirkungen bezüglich Verträglichkeit und Komfort ophthalmischer Linsen, insbesondere Brillengläser, hinsichtlich ihres Einflusses auf Myopie und/oder Hyperopie sowie deren Progression bzw. Entwicklung in Abhängigkeit der optischen und physiologischen Mechanismen, die eine Progression bzw. ein Voranschreiten, insbesondere eine Verschlechterung, erklären oder verlangsamen sollen, untersucht. Die bestehenden Ansätze basieren im Wesentlichen darauf, das Bild vor die Netzhaut abzubilden, da dadurch das Längenwachstum des Auges gebremst werden soll. Hierbei hat sich gezeigt, dass es ausreichend (oder sogar besser) ist, wenn dies nur in der Peripherie der Netzhaut geschieht.
Eine Aufgabe der vorliegenden Erfindung besteht darin, eine anhaltende Verträglichkeit einer Brille oder eines Brillenglases zu verbessern und damit einen langfristigen Tragekomfort kostengünstig zu erreichen. Diese Aufgabe wird erfindungsgemäß durch den Gegenstand der unabhängigen Ansprüche gelöst. Bevorzugte Ausführungsformen sind Gegenstand der abhängigen Ansprüche.
Somit betrifft die Erfindung ein einem Aspekt ein insbesondere computerimplementiertes Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases für zumindest ein Auge eines Brillenträgers derart, dass das Brillenglas einen zentralen Hauptdurchblicksbereich mit einer im Wesentlichen konstanten Brechkraft (im Folgenden auch Primärbrechkraft genannt) und einen an den zentralen Hauptdurchblicksbereich angrenzenden Wirkungsbereich umfasst. Als im Wesentlichen konstant soll die Primärbrechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich insbesondere dahingehend angesehen werden, dass die Variationen der Brechkraft innerhalb des zentralen Hauptdurchblicksbereichs in einem Bereich von nicht mehr als etwa 1 dpt, vorzugsweise nicht mehr als etwa 0,5 dpt, am meisten bevorzugt nicht mehr als etwa 0,25 dpt liegen.
Der Wirkungsbereich des zu berechnenden oder optimierenden Brillenglases bewirkt dabei eine zumindest teilweise höhere Brechkraft, (im Folgenden auch Sekundärbrechkraft genannt) als die Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich und/oder zumindest teilweise eine Kontrastminderung (im Vergleich zum zentralen Hauptdurchblicksbereich).
Insbesondere im Falle eines Wirkungsbereichs mit (gegenüber dem zentralen Hauptdurchblicksbereich) erhöhter Brechkraft könnte als zentraler Hauptdurchblicksbereich vorzugsweise eine konvexe Fläche (insbesondere elliptische Fläche, vorzugsweise Kreisfläche) mit maximalem Flächeninhalt und/oder mit maximaler horizontaler und/oder vertikaler Ausdehnung angesehen werden, auf deren Rand die Brechkraft des Brillenglases einen bestimmten Grenzwert nicht überschreitet. Insbesondere könnte als dieser Grenzwert eine Brechkraft vorgesehen sein, welche um einen vorgegebenen primären Toleranzwert größer ist als ein Minimalwert oder ein Mittelwert der Brechkraft innerhalb des zentralen Hauptdurchblicksbereichs. Ein solcher primärer Toleranzwert ist dabei vorzugsweise nicht größer als etwa 1 dpt, besonders bevorzugt nicht größer als etwa 0,5 dpt, am meisten bevorzugt nicht größer als etwa 0,25 dpt.
Die Erhöhung der Brechkraft im Wirkungsbereich (im Vergleich zum zentralen
Hauptdurchblickbereich) könnte beispielsweise durch einen kontinuierlichen Anstieg der Flächenbrechkraft (nach Art einer PAL) und/oder durch refraktive Mikrostrukturen (z.B. Lenslets) und/oder durch diffraktive Strukturen bewirkt werden.
Um eine Kontrastminderung im Wirkungsbereich zu erreichen, könnte das Brillenglas im Wirkungsbereich beispielsweise Oberflächenrauigkeiten aufweisen, die eine Mattigkeit der optischen Abbildung durch das Brillenglas bewirken. Diese Mattigkeit könnte dann zur Kontrastminderung führen. Dabei könnte der zentrale Hauptdurchblicksbereich im Wesentlichen klar bleiben, während die Kontrastminderung lediglich im Wirkungsbereich erzeugt wird. Diese Kontrastminderung trägt dazu bei, dass der mittlere periphere Sehbereich keinen oder weniger Anreiz für ein Längenwachstum des Auges liefert.
Insbesondere im Falle eines Wirkungsbereichs mit einer Kontrastminderung (gegenüber dem Hauptdurchblicksbereich) könnte als Hauptdurchblicksbereich vorzugsweise eine konvexe Fläche (insbesondere elliptische Fläche, vorzugsweise Kreisfläche) mit maximalem Flächeninhalt und/oder mit maximaler horizontaler und/oder vertikaler Ausdehnung angesehen, auf deren Rand der Kontrast der vom Brillenglas bewirkten Abbildung einen bestimmten Grenzwert nicht unterschreitet. Insbesondere könnte als dieser Grenzwert so sein, dass die dabei bewirkte Perzeption (bzw. ein Perzeptionsgrad) im Bereich von zumindest etwa 0,5, vorzugsweise von zumindest etwa 0,7, noch mehr bevorzugt zumindest etwa 0,8, am meisten bevorzugt zumindest etwa 0,9 liegt.
Als Perzeption soll hier insbesondere der Faktor verstanden werden, um den der Visus (also die Sehschärfe) gemindert wird, wobei hier insbesondere eine gemäß DIN 58220 Teil 3 auf den Wert 1 bestimmte Sehschärfe als Referenz angenommen wird. Somit bedeutet eine Perzeption von 0 (<0,1 ) eine im Wesentlichen vollständige Okklusion und 1 im Prinzip eine vollständige Transparenz. Diese Eigenschaften ergeben sich insbesondere bei einer Anordnung des Brillenglases in einer Position mit einem typischen Hornhaut-Scheitel-Abstand (HSA), d.h. insbesondere bei zumindest einem Wert des HSA im Bereich von etwa 11 mm bis etwa 18 mm, besonders bevorzugt bei
zumindest einem Wert des HSA von etwa 13 mm oder etwa 14 mm.
Alternativ oder zusätzlich zur Einhaltung der hier vorgeschlagenen Wertebereiche für die Perzeption kann es besonders bevorzugt sein, wenn die von der Mikrostruktur im Wirkungsbereich bewirkte Kontrastminderung zu einem Haze-Wert (insbesondere % haze) gemäß der Norm ASTM D-1003 im Bereich von nicht mehr als etwa 10, vorzugsweise im Bereich von nicht mehr als etwa 2 führt, und wobei vorzugsweise die von der Mikrostruktur im Wirkungsbereich bewirkte Kontrastminderung zu einem Haze-Wert gemäß der Norm ASTM D-1003 im Bereich von zumindest etwa 0,1 , insbesondere zumindest etwa 0,5 führt.
Besonders bevorzugt weist der Wirkungsbereich im Falle einer Kontrastminderung dennoch eine Transmission (insbesondere einen Wert einer Luminous Transmittance gemäß der Norm ASTM D-1003) von zumindest 85, noch weiter bevorzugt zumindest 90 auf. Damit wird sichergestellt, dass das Brillenglas auch im Falle einer Kontrastminderung das Licht nicht vollständig abblockt (z.B. absorbiert und/oder reflektiert) und damit das Sehfeld abdunkelt, sondern dass das Licht lediglich (teilweise) gestreut wird. Dadurch bleibt der Helligkeitseindruck weitgehend erhalten und es wird verhindert, dass sich die Pupille (aufgrund verringerten Lichteinfalls) merklich vergrößert.
Die Werte sowohl für Haze als auch für Luminous Transmittance gemäß der Norm ASTM D-1003 können beispielsweise mittels des Messgeräts „haze-gard plus“ von BYK Additives and Instruments ermittelt oder überprüft werden.
Das erfindungsgemäße Verfahren umfasst ein Bereitstellen von Benutzerdaten, welche zumindest ein sphärisches Äquivalent eines Refraktionsdefizits des zumindest einen Auges umfassen. Das sphärische Äquivalent des Refraktionsdefizits bezeichnet den sphärischen Anteil der Fehlsichtigkeit, insbesondere Myopie. Hierbei wird insbesondere das sphärische Äquivalent des Refraktionsdefizites des zentralen (bzw. fovealen) Sehfeldes bereitgestellt. Das Bereitstellen von Benutzerdaten kann dabei insbesondere ein direktes Ermitteln oder Messen und/oder ein Zurverfügungstellen
von vorab gemessenen und dann insbesondere gespeicherten Informationen umfassen. Das Bereitstellen kann dabei insbesondere ein Eingeben oder Übertragen der Benutzerdaten mittels einer Benutzeroberfläche und/oder einer Datenschnittstelle eines Datenverarbeitungssystems umfassen.
Außerdem umfasst das Verfahren ein Bestimmen der Primärbrechkraft als die im Wesentlichen konstante Brechkraft des zentralen Hauptdurchblicksbereichs zur Korrektion des sphärischen Äquivalents des Refraktionsdefizits des zumindest einen Auges und ein Ermitteln einer horizontalen und/oder einer vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs basierend auf (bzw. als Funktion) der Primärbrechkraft.
Das Ermitteln der horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs erfolgt insbesondere dadurch basierend auf (bzw. als Funktion) der Primärbrechkraft, dass die horizontale bzw vertikale Ausdehnung abhängig vom (vorab) bestimmten Wert der Primärbrechkraft insbesondere anhand einer vorab festgelegten Regel bzw. Zuordnung ermittelt, nämlich insbesondere errechnet oder ausgelesen, wird. Als solche Regel bzw. Zuordnung kann insbesondere ein funktionaler Zusammenhang, z.B. in Form einer (analytischen) Formel, zwischen der Primärbrechkraft und der horizontalen bzw. vertikalen Ausdehnung dienen.
In einer weiteren bevorzugten Ausführungsform kann als solche Regel bzw. Zuordnung eine Tabelle (z.B. Zuordnungs- bzw. Referenztabelle) mit vordefinierten Werten bzw. Wertebereichen dienen, welche jedem Wert einer Primärbrechkraft einen entsprechenden Wert für die horizontale bzw. vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs zuordnet. Die Verwendung einer solchen Tabelle kann insbesondere dann vorteilhaft sein, wenn im Zuge des Ermittelns der horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs ein Brillenglas (bzw. Brillenglasrohling) aus einer Serie von Brillengläsern (bzw. Brillenglasrohlingen) ausgewählt wird. Dabei können Intervalle einer Primärbrechkraft (z.B. 1 ,5 - 2 dpt) einem bestimmten Wert der horizontalen bzw. vertikalen Ausdehnung des Hauptdurchblicksbereichs zugeordnet werden.
In einem bevorzugten Aspekt kann der für das Ermitteln der horizontalen bzw. vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs verwendete (funktionale) Zusammenhang derart sein, dass die ermittelte Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs eine vorbestimmte Dimension (z.B. Winkelausdehnung) des Blickfeldes bewirkt. Dabei kann vorzugsweise die vorbestimmte Dimension (z.B. Winkelausdehnung) des Blickfeldes innerhalb einer Brillenglasserie im Wesentlichen konstant sein.
Der (vorbestimmte) Zusammenhang (z.B. Formel, Tabelle, usw.) zwischen der Primärbrechkraft und der horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs kann auch von einem oder mehreren weiteren Parametern abhängen, z.B. neben der Brechkraft auch noch vom Abstand Brillenglas-Auge und/oder von der Position bzw. vom Abstand des Augendrehpunkts vom Brillenglas, usw..
Die vorliegende Erfindung schlägt also insbesondere vor, die Größe des zentralen Hauptdurchblicksbereichs und/oder des Wirkungsbereichs abhängig von der Verzeichnung des Blickfeldes zu berechnen oder zu optimieren und erreicht damit für jede Wirkung eine nachgeführte und damit zumindest verbesserte Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit des Brillenglases bei der Unterdrückung einer Progression von Myopie.
So wurde im Rahmen der vorliegenden Erfindung in besonderer Weise erkannt, dass genau genommen nicht (allein) die Größe der zentralen Zone maßgeblich für die (langfristige) Verträglichkeit des Brillenglases ist, sondern (nicht unwesentlich auch) die Größe des Blickfeldes, der diese zentrale Zone des Brillenglases entspricht. Die Größe des Blickfeldes ist neben der zentralen Zone auch von der Winkelverzeichnung des Brillenglases abhängig. Diese bestimmt sich unter anderem durch die Wirkung des Brillenglases und darüber hinaus insbesondere auch durch den Abstand des Brillenglases vom Augendrehpunkt. In einer besonders bevorzugten Ausführungsform wird auch die Eigenvergrößerung des Brillenglases bestimmt und die horizontale
und/oder die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs unter Berücksichtigung der Eigenvergrößerung ermittelt.
Vorzugsweise wird die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs als (zumindest abschnittsweise) monoton steigende Funktion der Primärbrechkraft des Brillenglases ermittelt. So wurde im Rahmen dieser Entwicklung insbesondere erkannt, dass damit sehr effizient einem Effekt entgegengewirkt werden kann, welcher herkömmlicherweise dazu führt, dass die Größe des Blickfeldes der zentralen Zone (insbesondere für foveales Sehen) bei gleicher physikalischer Größe auf dem Brillenglas aufgrund der dynamischen Verzeichnung sich bei Änderung der Korrektionswirkung (insbesondere der Primärbrechkraft) so ändert, dass ein Optimum einer Balance zwischen Wirksamkeit zur Unterdrückung einer Myopie-Progression und Verträglichkeit des Brillenglases oft nicht verlässlich erreicht wird. Beispielsweise für Minusgläser zur Korrektion einer Myopie ergibt sich, dass bei gleicher zentraler Zone (d.h. bei gleichem zentralen Hauptdurchblicksbereich) des Brillenglases die Größe des zentralen Blickfeldes bei höherer Myopie zunimmt. Daraus ergibt sich vorübergehend eine verbesserte Verträglichkeit des Brillenglases, bei gleichbleibender Wirksamkeit zum Myopie Management, d.h. die Verträglichkeit und die Wirksamkeit zum Myopie Management befinden sich nicht mehr in der gewünschten Balance. Dies kann somit zumindest mittel- oder längerfristig wieder zu einer stärkeren Progression der Myopie gegenüber einem Brillenglas mit optimaler Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit und damit zu einer sinkenden Verträglichkeit bzw. einem sinkenden Tragekomfort für das Brillenglas führen. Durch ein erfindungsgemäßes Vorgehen, insbesondere in den hier beschriebenen bevorzugten Ausführungsformen, kann dies sehr wirkungsvoll verhindert oder zumindest unterdrückt oder verzögert werden.
Vorzugsweise umfassen die bereitgestellten Benutzerdaten außerdem ein Abstandsmaß, welches den Abstand b‘ des zu berechnenden oder optimierenden Brillenglases vom Augendrehpunkt des zumindest einen Auges (direkt oder indirekt) festlegt bzw. beschreibt, wobei vorzugsweise die horizontale und/oder die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs basierend auf (bzw. als
Funktion) der Primärbrechkraft und dem Abstandsmaß ermittelt wird bzw. werden.
Das Abstandsmaß kann dabei als individuelle oder als standardisierte Größe bereitgestellt werden. Es kann dabei entweder direkt einen individuellen oder standardisierten Abstand des Brillenglases vom Augendrehpunkt angeben, oder es kann beispielsweise auch lediglich einen individuellen oder standardisierten Hornhaut- Scheitel-Abstand (HSA) angeben, welcher dann beispielsweise zusammen mit einem individuellen oder standardisierten Augenradius den Abstand b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt beschreibt. Beispielsweise könnte ein standardisierter Wert für den Augenradius zusammen mit einem individuellen Wert für den HSA bereitgestellt bzw. verwendet werden, um damit einen individuellen Abstand des Brillenglases vom Augendrehpunkt zu beschreiben. Dies könnte insbesondere dahingehend bevorzugt sein als die individuellen Variationen des HSA aufgrund individueller Variationen der Anatomie des Kopfes und der Augen einerseits aber auch aufgrund der Abhängigkeit von einer ausgewählten Brillenfassung und Tragegewohnheit eventuell deutlich größer sind als individuelle Variationen des Augenradius. Andererseits ist ein individueller HSA für eine ausgewählte Brillenfassung bereits mit einfachen Mitteln recht zuverlässig bestimmbar.
In einer besonders bevorzugten Ausführungsform wird die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs für einen negativen Wert der Primärbrechkraft als (zumindest abschnittsweise) monoton fallende Funktion des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt ermittelt und für einen positiven Wert der Primärbrechkraft als (zumindest abschnittsweise) monoton steigende Funktion des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt ermittelt. Alternativ oder zusätzlich wird vorzugsweise die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs für einen negativen Wert der Primärbrechkraft als (zumindest abschnittsweise) monoton steigende Funktion des Produkts aus dem Abstand b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt und dem Primärbrechwert ermittelt und für einen positiven Wert der Primärbrechkraft als (zumindest abschnittsweise) monoton steigende Funktion des Produkts aus dem Abstand b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt und dem Primärbrechwert ermittelt.
Besonders bevorzugt wird bzw. werden die horizontale Ausdehnung r’h und/oder die vertikale Ausdehnung r’v des zentralen Hauptdurchblicksbereichs für negative Werte der Primärbrechkraft gemäß rh / (1 - So b‘ F) < r’h < rh bzw. gemäß rv Z (1 - So b‘ F) < r’v < rv und/oder für positive Werte der Primärbrechkraft gemäß rh < r’h < rh / (1 - So b‘ F) bzw. gemäß
Tv < r’v < Tv / (1 - So b‘ F) als Funktion der Primärbrechkraft F und des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt mit einem vorgegebenen Referenzwert m für die horizontale Ausdehnung bzw. einem vorgegebenen Referenzwert rv für die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs und einem vorgegebenen positiven oberen Gewichtungsfaktor s0 ermittelt.
Weiter bevorzugt wird bzw. werden die horizontale Ausdehnung r’h und/oder die vertikale Ausdehnung r’v des zentralen Hauptdurchblicksbereichs für negative Werte der Primärbrechkraft gemäß rh / (1 - So b‘ F) < r’h < rh / (1 - su b‘ F)
bzw. gemäß rv / (1 - So b‘ F) < r’v < rv / (1 - su b‘ F) und/oder für positive Werte der Primärbrechkraft gemäß rh / (1 - Su b‘ F) < r’h < rh / (1 - So b‘ F) bzw. gemäß rv / (1 — Su b‘ F) < r’v < rv / (1 - So b‘ F) als Funktion der Primärbrechkraft F und des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt mit einem vorgegebenen Referenzwert m für die horizontale Ausdehnung bzw. einem vorgegebenen Referenzwert rv für die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs sowie einem vorgegebenen positiven oberen Gewichtungsfaktor s0 und einem vorgegebenen positiven unteren Gewichtungsfaktor Su ermittelt, welcher nicht größer (vorzugsweise aber kleiner) ist als der obere Gewichtungsfaktor.
Vorzugsweise liegt der obere Gewichtungsfaktor in einem Bereich von nicht größer als etwa 1 ,5, vorzugsweise nicht größer als etwa 1 ,2, am meisten bevorzugt nicht größer als etwa 1 ,0 und/oder in einem Bereich von zumindest etwa 0,3, vorzugsweise zumindest etwa 0,5, noch mehr bevorzugt zumindest etwa 0,8, am meisten bevorzugt zumindest etwa 1 ,0. Alternativ oder zusätzlich liegt der untere Gewichtungsfaktor vorzugsweise in einem Bereich von zumindest etwa 0,1 , vorzugsweise zumindest etwa 0,3, weiter bevorzugt zumindest etwa 0,5, am meisten bevorzugt zumindest etwa 0,8, und/oder in einem Bereich von nicht größer als etwa 1 ,0, vorzugsweise nicht größer als etwa 0,8, weiter bevorzugt nicht größer als etwa 0,5, am meisten bevorzugt nicht größer etwa 0,3.
Weiter bevorzugt ist eine Differenz s0 - su zwischen dem oberen Gewichtungsfaktor s0 und dem unteren Gewichtungsfaktor su nicht größer als etwa 1 ,0, vorzugsweise nicht größer als etwa 0,8, besonders bevorzugt nicht größer als etwa 0,5, noch weiter bevorzugt nicht größer etwa 0,3, oder sogar nicht größer als etwa 0,2, am meisten bevorzugt nicht größer als etwa 0,1 .
In einer bevorzugten Variante entsprechen der obere Gewichtungsfaktor s0 und der untere Gewichtungsfaktor su einem positiven Gewichtungsfaktor s. Anders ausgedrückt wird bzw. werden somit vorzugsweise die horizontale Ausdehnung r’h und/oder die vertikale Ausdehnung r’v des zentralen Hauptdurchblicksbereichs gemäß r’h = Th / (1 — s b‘ F) bzw. gemäß r’v = rv Z (1 - s b‘ F) als Funktion der Primärbrechkraft F und des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt mit einem vorgegebenen Referenzwert m für die horizontale Ausdehnung bzw. einem vorgegebenen Referenzwert rv für die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs und einem vorgegebenen positiven Gewichtungsfaktor s ermittelt, dessen Wert insbesondere in einem Bereich von nicht mehr als etwa 1 ,0 und/oder in einem Bereich von zumindest etwa 0,3, vorzugsweise zumindest etwa 0,5 liegt
Vorzugsweise umfasst das Verfahren:
Vorgeben einer Parametrisierung einer ersten brechenden Fläche und einer zweiten brechenden Fläche für das zu berechnende bzw. optimierende Brillenglas; iteratives Auswerten einer Zielfunktion und Variieren der Parametrisierung zumindest einer der brechenden Flächen für das zu berechnende bzw. optimierende Brillenglas zur Minimierung der Zielfunktion, wobei die Zielfunktion zumindest eine Verteilung von Sollvorgaben für das sphärische Äquivalent über das Brillenglas derart
festlegt, dass für Durchblickspunkte, die gemäß der ermittelten horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des Hauptdurchblicksbereichs innerhalb des Hauptdurchblicksbereichs liegen, die Sollvorgaben für das sphärische Äquivalent auf die Primärbrechkraft festgelegt sind; und
Ausgeben der nach Minimierung der Zielfunktion resultierenden Parametrisierung der zumindest einen variierten, brechenden Fläche.
So ist es für die Berechnung oder Optimierung von Brillengläsern, insbesondere als individuell berechnetes oder optimiertes (und dann herzustellendes) Brillenglas wünschenswert, dass für verschiedene Blickrichtungen eine möglichst gute Korrektur eines Refraktionsfehlers des Auges des Brillenträgers erreicht wird. Im Allgemeinen gilt ein Brillenglas für eine gegebene Blickrichtung dann als vollkorrigierend, wenn die Werte für Sphäre, Zylinder und Achse der Wellenfront beim Passieren der Scheitelpunktkugel (oder einer alternativen Bewertungsfläche) mit den Werten für Sphäre, Zylinder und Achse der Verordnung für das fehlsichtige Auge übereinstimmen. Bei der Refraktionsbestimmung für ein Auge eines Brillenträgers werden dioptrische Werte (insbesondere Sphäre, Zylinder, Achslage - also insbesondere sphäro- zylindrische Abweichungen) für eine weite (in der Regel unendliche) Entfernung und gegebenenfalls (für Mehrstärkengläser bzw. Gleitsichtgläser) eine Addition für eine nahe Entfernung (z.B. nach DIN 58208) bestimmt, die als Grundlage für die Berechnung oder Optimierung (und damit für die Herstellung) des Brillenglases dienen sollen.
Eine vollständige Korrektur für alle Blickrichtungen gleichzeitig ist aber im Normalfall nicht möglich. Daher werden die Brillengläser derart gefertigt, dass sie vor allem in den hauptsächlichen Nutzungsbereichen, insbesondere in den zentralen Durchblicksbereichen eine gute Korrektur von Fehlsichtigkeiten des Auges und nur geringe Abbildungsfehler bewirken, während in peripheren Bereichen größere Abbildungsfehler zugelassen oder sogar gezielt platziert werden.
Um ein Brillenglas derart fertigen zu können, erfolgt somit vorzugsweise zunächst eine Berechnung der Brillenglasflächen bzw. zumindest einer der Brillenglasflächen derart,
dass dadurch die gewünschte Verteilung der unvermeidlichen und/oder gezielt platzierten Abbildungsfehler bewirkt wird. Diese Berechnung und Optimierung erfolgt vorzugsweise mittels eines iterativen Variationsverfahrens durch Minimieren einer Zielfunktion. Als Zielfunktion wird insbesondere eine Funktion Fz mit folgendem funktionalen Zusammenhang zur sphärischen Wirkung S, zum Betrag der zylindrischen Wirkung Z und zur Achslage des Zylinders a (auch als “SZA”- Kombination bezeichnet) berücksichtigt und minimiert:
Dabei werden in der Zielfunktion Fz an den Bewertungsstellen / des Brillenglases zumindest die tatsächlichen Refraktionsdefizite der sphärischen Wirkung SA und der zylindrischen Wirkung Z ,I sowie Sollvorgaben für die Refraktionsdefizite der sphärischen Wirkung SA ,SOII und der zylindrischen Wirkung ZA ,SOII berücksichtigt. Die Verteilung der Sollvorgaben bzw. Sollwerte und der Gewichtungsfaktoren gt in der Zielfunktion wird auch als Design des Brillenglases bezeichnet.
Das prinzipielle Vorgehen bei der Berechnung und Optimierung von Brillengläsern mit Hilfe einer solchen Zielfunktion ist dem Grunde nach bekannt. Im Rahmen der vorliegenden Erfindung wird in einer bevorzugten Ausführungsform nun aber vorgeschlagen, dass im Hinblick auf das Design des Brillenglases, also die räumliche Verteilung von Sollvorgaben zumindest die Sollvorgaben für den sphärischen Anteil S der Wirkung über das Brillenglas derart festgelegt werden, dass für Durchblickspunkte /, die gemäß der ermittelten horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des Hauptdurchblicksbereichs innerhalb des Hauptdurchblicksbereichs liegen, die Sollvorgaben für das sphärische Äquivalent auf die Primärbrechkraft F festgelegt sind.
Vorzugsweise legt die Zielfunktion die Verteilung von Sollvorgaben für das sphärische Äquivalent über das Brillenglas außerdem derart fest, dass für Durchblickspunkte, die gemäß der ermittelten horizontalen und/oder vertikalen Ausdehnung des Hauptdurchblicksbereichs innerhalb des Wirkungsbereichs liegen, die Sollvorgaben
für das sphärische Äquivalent auf die Sekundärbrechkraft festgelegt sind, welche höher ist als die Primärbrechkraft.
Vorzugsweise wird ein Brillenglas berechnet oder optimiert, welches außerdem umfasst: einen Peripheriebereich außerhalb des Wirkungsbereichs mit einer im Wesentlichen konstanten Brechkraft, welche im Wesentlichen der im Wesentlichen konstanten Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich entspricht, wobei das Verfahren umfasst:
Ermitteln einer maximalen horizontalen und/oder einer vertikalen Ausdehnung des Wirkungsbereichs basierend auf (bzw. als Funktion) der Primärbrechkraft (und vorzugsweise des Abstands b‘ des Brillenglases vom Augendrehpunkt).
In einem weiteren Aspekt betrifft die Erfindung ein Verfahren zum Herstellen eines Brillenglases umfassend:
Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases nach dem Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases in einer der hier beschriebenen Ausführungsformen; und
Fertigen des so berechneten oder optimierten Brillenglases.
In einem weiteren Aspekt betrifft die Erfindung eine Serie von Brillengläsern umfassend eine Vielzahl von Brillengläsern, von denen jedes umfasst: einen zentralen Hauptdurchblicksbereich, mit einer im Wesentlichen konstanten Brechkraft, der Primärbrechkraft; und einen an den zentralen Hauptdurchblicksbereich angrenzenden Wirkungsbereich, welcher eine zumindest teilweise höhere Brechkraft, als die Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich und/oder zumindest teilweise eine Kontrastminderung (einer Abbildung durch das Brillenglas) bewirkt, wobei sich die Vielzahl der Brillengläser der Serien paarweise sowohl im Wert
der Primärbrechkraft als auch in einer horizontalen und/oder einer vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs derart unterscheiden, dass zwischen den Brillengläsern der Serie die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs als (zumindest abschnittsweise) monoton steigende Funktion der Primärbrechkraft des jeweiligen Brillenglases variiert. Mit anderen Worten ist bei einem paarweisen Vergleich jeweils zweier Brillengläser in der Serie mit unterschiedlicher Primärbrechkraft jeweils die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs bei demjenigen Brillenglas größer, welches die größere (also stärker positive oder geringer negative) Primärbrechkraft aufweist. In einer bevorzugten Ausführungsform hängt die horizontale Ausdehnung und/oder die vertikale Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs innerhalb der Serie von Brillengläsern im Wesentlichen in einer der im Zusammenhang mit den Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases beschriebenen, funktionalen Weise von der Primärbrechkraft ab.
In einem weiteren Aspekt bietet die Erfindung eine Vorrichtung zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases für zumindest ein Auge eines Brillenträgers, so dass das Brillenglas umfasst: einen zentralen Hauptdurchblicksbereich, mit einer im Wesentlichen konstanten Brechkraft; und einen an den zentralen Hauptdurchblicksbereich angrenzenden Wirkungsbereich, welcher eine zumindest teilweise höhere Brechkraft, die Sekundärbrechkraft, als die Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich und/oder zumindest teilweise eine Kontrastminderung (einer Abbildung durch das Brillenglas) bewirkt, wobei die Vorrichtung umfasst: eine Datenschnittstelle zum Erfassen von Benutzerdaten, welche zumindest ein sphärisches Äquivalent eines Refraktionsdefizits des zumindest einen Auges umfassen; ein Bestimmungsmodul zum Bestimmen einer Primärbrechkraft als die im
Wesentlichen konstante Brechkraft des zentralen Hauptdurchblicksbereichs zur Korrektion des sphärischen Äquivalents des Refraktionsdefizits des zumindest einen Auges; und ein Ermittlungsmodul zum Ermitteln einer horizontalen und/oder einer vertikalen Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs basierend auf der Primärbrechkraft.
Vorzugsweise ist die Vorrichtung zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases ausgelegt, ein Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases in einer der hier beschriebenen bevorzugten Ausführungsformen auszuführen.
In einem weiteren Aspekt betrifft die Erfindung ein Computerprogrammerzeugnis, welches ausgelegt ist, wenn geladen und ausgeführt auf einem Computer, ein Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases gemäß einer der hier beschriebenen Ausführungsformen durchzuführen.
In einem weiteren Aspekt betrifft die Erfindung eine Vorrichtung zum Herstellen eines Brillenglases umfassend:
Berechnungs- oder Optimierungsmittel, welche ausgelegt sind, das Brillenglas nach einem Verfahren zum Berechnen oder Optimieren eines Brillenglases gemäß einer der hier beschriebenen Ausführungsformen zu berechnen oder zu optimieren;
Bearbeitungsmittel, welche ausgelegt sind, das Brillenglas fertig zu bearbeiten.
Schließlich betrifft die Erfindung eine Verwendung eines nach dem Verfahren gemäß einer der hier beschriebenen Ausführungsformen berechneten oder optimierten Brillenglases und/oder nach einem hier beschriebenen Herstellungsverfahren hergestellten Brillenglases zur Kompensation einer myopen Fehlsichtigkeit und/oder zur Reduktion der Progression von Myopie.
Nachfolgend wird die Erfindung anhand bevorzugter Ausführungsformen mit Bezug auf die beigefügten Zeichnungen weiter beschrieben. Dabei zeigen:
Fig. 1 bis 3 schematische Draufsichten unterschiedlicher Beispiele möglicher Verteilungen der Brechkraft auf erfindungsgemäß hergestellten Brillengläsern; und
Fig. 4 eine schematische Darstellung des Strahlverlaufs für ein Minusglas zur Veranschaulichung konzeptioneller Erklärungen zur Erfindung.
Fig. 1 zeigt eine Draufsicht auf ein beispielhaftes Brillenglas 10. In diesem Beispiel wird das Brillenglas zunächst als rohrundes Brillenglas (vor dem Randen) dargestellt. Dieses rohrunde Brillenglas lässt sich dann beispielsweise entlang eines Randes 38 durch Randschleifen in eine entsprechende Fassung einpassen.
Wie in Fig. 1 dargestellt, umfasst das Brillenglas 10 in diesem Beispiel einen zentralen Hauptdurchblicksbereich 30, mit einer im Wesentlichen konstanten Brechkraft, der Primärbrechkraft F. Dieser zentrale Hauptdurchblicksbereich 30 wird durch geeignetes Zentrieren des Brillenglases so vor dem jeweiligen Auge des Brillenträgers (Benutzers) positioniert, dass der Brillenträger beim Blick in einer Hauptblickrichtung im Wesentlichen im Bereich eines Zentrums 36 des zentralen Hauptdurchblicksbereichs 30 blickt. Das sphärische Äquivalent der Fehlsichtigkeit und vorzugsweise alle zu korrigierenden Refraktionsfehler des Auges des Benutzers werden durch den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 möglichst gut korrigiert. Damit wird erreicht, dass der Benutzer mit diesem Brillenglas in der hauptsächlichen Blickrichtung foveal scharf sieht.
Außerdem umfasst das Brillenglas einen an den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 angrenzenden Wirkungsbereich 32, der in diesem Fall insbesondere um den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 herum angeordnet ist. Der Wirkungsbereich 32 bewirkt eine zumindest teilweise höhere Brechkraft (positiv-dioptrische Zusatzwirkung) als die Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 und/oder zumindest teilweise eine Kontrastminderung. Dies kann beispielsweise zumindest teilweise durch Mikrostrukturen, beispielsweise in Form vom Mikrolinsen (Lenslets) im Wirkungsbereich 32 erreicht werden. Insbesondere im Falle einer positiv-dioptrischen
Zusatzwirkung im Wirkungsbereich 32 wird der (mittlere) periphere Sehbereich bei scharfer Sicht im zentralen Bereich (foveale Sicht) etwas vor der Netzhaut des entsprechenden Auges des Brillenträgers abgebildet. Dadurch wird ein Längenwachstum des Auges unterdrückt, was zu einer Verringerung einer Progression einer myopen Eigenschaft des Auges und damit zu einem längerfristig besserem Tragekomfort für das Brillenglas führt.
Um eine gewünschte Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit dieses die Myopie-Progression unterdrückenden Effekts gut kontrollieren zu können, wird eine horizontale Ausdehnung r‘h und/oder eine vertikale Ausdehnung r‘v des zentralen Hauptdurchblicksbereichs 30 mit der im Wesentlichen konstanten Brechkraft F als Funktion dieser Brechkraft (Primärbrechkraft F) festgelegt, wie dies später noch beispielhaft genauer beschrieben wird.
Schließlich umfasst das Brillenglas 10 in dieser Variante auch noch einen Peripheriebereich 34 außerhalb des Wirkungsbereichs 32 mit einer wiederum im Wesentlichen konstanten Brechkraft. Besonders bevorzugt entspricht die im Wesentlichen konstante Brechkraft im Peripheriebereich 34 im Wesentlichen der im Wesentlichen konstanten Brechkraft im zentralen Hauptdurchblicksbereich 30. Damit wird - eine im Wesentlichen näherungsweise isotrope Augenlänge unterstellt - der ferne periphere Sehbereich wieder zumindest annähernd scharf auf der Netzhaut des entsprechenden Auges abgebildet. Das erzeugt einerseits an angenehmes Sehempfinden mit recht breitem Sichtfeld und erhöht außerdem die Sicherheit beim Tragen des Brillenglases, da auf diese Weise periphere Bewegungen und damit mögliche Hindernisse und Gefahren durch den Brillenträger früher und zuverlässiger erkannt werden können. Insgesamt trägt dies wiederum zum längerfristig besseren Tragekomfort bei, vor allem wenn auch eine horizontale Ausdehnung R‘h und/oder eine vertikale Ausdehnung R‘v des Wirkungsbereichs 32 wiederum als Funktion der Primärbrechkraft F festgelegt wird.
In der schematischen, beispielhaften Ausführungsformen von Fig. 1 sind der zentrale Hauptdurchblicksbereich 30 und der Wirkungsbereich 32 kreisförmig dargestellt. So
weist der zentrale Hauptdurchblicksbereich 30 in diesem Beispiel dieselbe horizontale r‘h und vertikale Ausdehnung r‘v auf, insbesondere als Radius der Kreisfläche, welche den zentrale Hauptdurchblicksbereich 30 bildet. Entsprechend weist in diesem Beispiel auch der Wirkungsbereich 32 dieselbe horizontale R‘H und vertikale Ausdehnung R‘v auf, insbesondere als äußerer Begrenzungsradius des Kreisrings, welcher den Wirkungsbereich 32 bildet. Dies ist allerdings nicht notwendigerweise der Fall. Diese Bereiche können auch andere Formen (z.B. oval) aufweisen. Diese Bereiche müssen auch nicht unbedingt konzentrisch zueinander liegen, auch wenn dies für manche universellen Anwendungsfälle besonders vorteilhaft sein kann.
In einer in Fig. 2 dargestellten bevorzugten Ausführungsform enthält der Wirkungsbereich 32 einen Nahausschnitt 32-2, der innerhalb eines Segments des Brillenglases liegt und ein Segment des Wirkungsbereichs 32 umfasst, welches temporal durch eine vertikale Meridianlinie m1 abwärts vom Zentrum des zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 und nasal in diesem Fall durch eine um etwa 30° zur Vertikalen nasal verdrehte Meridianlinie m2 abwärts vom Zentrum des zentralen Hauptdurchblicksbereichs begrenzt wird. Dabei unterscheiden sich die optischen Eigenschaften des vom Nahausschnitt 32-2 umfassten Segments des Wirkungsbereichs von den optischen Eigenschaften des übrigen Wirkungsbereichs 32-1 zumindest teilweise, insbesondere hinsichtlich ihrer positiv-dioptrischen Zusatzwirkung und/oder ihrer Kontrastminderung.
Während die Ausführungsform von Fig. 1 insbesondere als Einstärkenglas umgesetzt sein könnte, eignet sich die Ausführungsform von Fig. 2 beispielsweise als Gleitsichtglas. Bezüglich der Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit der Wirkung zum Myopie-Management können beide Anwendungsgebiete in analoger Weise von der erfindungsgemäßen Festlegung der (maximalen) Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs 30 als Funktion der Primärbrechkraft F profitieren.
Wiederum ein weiteres Beispiel einer möglichen Anordnung eines Wirkungsbereichs ist in Fig. 3 schematisch dargestellt. Dabei erstreckt sich ein Kanalbereich 12 von einem oberen Rand 14 des Brillenglases 10 durchgängig bis zu einem unteren Rand
16 des Brillenglases 10. Dieser Kanalbereich 12 dient bei Anwendung der richtigen Verordnung für das entsprechende Auge als Klarsichtbereich bzw. Rezeptbereich des Brillenglases 10 derart, dass der Benutzer durch diesen Bereich hindurch deutlich sehen kann, da dieser Bereich eine Fehlsichtigkeit des Auges weitgehend kompensiert
Der Kanalbereich 12 umfasst dabei insbesondere den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30, welcher insbesondere für einen Geradeausblick des Benutzers (bzw. einen Blick in die Ferne zum Horizont) dienen kann, und die im Wesentlichen konstante Primärbrechkraft F aufweist. Beiderseits (horizontal) angrenzend an den Kanalbereich 12 und damit auch an den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 befindet sich der Wirkungsbereich, welcher sich in diesem Beispiel in einen nasalen Wirkungsabschnitt 32n und einen temporalen Wirkungsabschnitt 32t unterteilt, die insbesondere entlang einer jeweiligen nasalen Kanalgrenzlinie 26n bzw. temporalen Kanalgrenzlinie 26t direkt an den Kanalbereich 12 angrenzen und damit auch den zentralen Hauptdurchblicksbereich 30 zumindest in der horizontalen Ausdehnung m begrenzen. Die beiden Wirkungsabschnitte 32n, 32t bilden zusammen den Wirkungsbereich, in welchem das Brillenglas 10 im Wesentlichen eine im Vergleich zu den Verordnungsdaten, welche im Kanalbereich verwirklicht sind, höhere Brechkraft und/oder Kontrastminderung aufweist. Auch diese Variante einer Anordnung von zentralem Hauptdurchblicksbereich 30 und Wirkungsbereich 32 profitiert bezüglich der Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit der Wirkung zum Myopie-Management von der erfindungsgemäßen Festlegung der (maximalen) Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs 30 zumindest in horizontaler Richtung als Funktion der Primärbrechkraft F.
Wie bereits dargelegt, liegt eine besondere Idee darin, die optimale Balance zwischen der Verträglichkeit der Brillengläser und ihrer Wirksamkeit zur Reduktion der Progression von Management für alle Korrektionswirkungen verlässlich zu erzielen. Dazu wird vorgeschlagen, ein Grunddesign eines Brillenglases zum Myopie- Management mit einem zentralen Hauptdurchblicksbereich für einen guten Durchblick in diesem Bereich sowie einem peripheren Wirkungsbereich zu erstellen, der der Kontrolle der Myopie-Progression dient. Dieses Grunddesign ist dazu ausgelegt, eine
optimale Verteilung der Verträglichkeit auf der einen Seite und der präventiven Wirkung auf der anderen Seite für eine bestimmte Korrektionswirkung als Grunddesignreferenz (z.B. für F = 0 dpt) zu gewährleisten.
Wie nun in Fig. 4 schematisch dargestellt, lässt sich die Größe a des Blickfeldes des zentralen Hauptdurchblicksbereichs, die sich als entscheidend für die Verträglichkeit der Brille herausstellt, durch den Radius des zentralen Hauptdurchblicksbereichs r, sowie den Abstand b‘ des Brillenglases zum Augendrehpunkt (maßgeblich beeinflusst durch den HSA) bestimmen (unter Vernachlässigung der Eigenvergrößerung des Brillenglases). So gilt hierbei im Wesentlichen:
- a b = r = - a‘ b‘
Die Größe des Blickfeldes a, a‘ des zentralen Hauptdurchblicksbereichs variiert bei gleicher physikalischer Größe r auf dem Brillenglas aufgrund der dynamischen Verzeichnung durch die Korrektionswirkung gemäß a ‘ = (1 - b’ F) a, wobei F die Korrektionswirkung (sphärisches Äquivalent der Brechkraft) ist. Für Minusgläser (F < 0) zur Korrektion einer Myopie ergibt sich daraus, dass bei gleicher (horizontaler und/oder vertikaler) Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs des Brillenglases die Größe des zentralen Blickfeldes bei höherer Myopie zunimmt. Daraus ergibt sich zwar vorübergehend eine verbesserte Verträglichkeit des Brillenglases, wodurch sich aber die Verträglichkeit und die Wirksamkeit zum Myopie-Management nicht mehr in optimaler Balance befinden.
Um diese optimale Balance zwischen Verträglichkeit und Wirksamkeit für Brillengläser verschiedenster Korrektionswirkungen zu gewährleisten, wird die Größe (also die horizontale und/oder vertikale Ausdehnung) des zentralen Hauptdurchblicksbereichs anhand der dynamischen Verzeichnung (also insbesondere anhand der Primärbrechkraft F des Brillenglases) angepasst, z.B. vorzugsweise gemäß
r‘ = 1 / (1 - s b‘ F) r, wobei r’ der Radius (insbesondere als Maß für eine horizontale und oder vertikale Ausdehnung) des angepassten zentralen Hauptdurchblicksbereichs ist und s ein positiver Gewichtsfaktor ist, der besonders bevorzugt einem Wertebereich bis etwa 1 gewählt wird. Der Wert r ist dabei insbesondere ein vorgegebener Referenzwert für die (horizontale und/oder vertikale) Ausdehnung des zentralen Hauptdurchblicksbereichs, welcher insbesondere für F = 0 die gewünschte bzw. vorgegebene Balance gemäß dem Grunddesign bewirkt.
Dadurch verschiebt sich brechwertabhängig die Grenze zwischen dem zentralen Hauptdurchblicksbereich und dem Wirkungsbereich, sodass in einer besonders verlässlichen Balance bei stärkerer Myopie (und damit stärker negativer Primärbrechkraft also auch stärkerer Verzeichnung des Brillenglases) mehr Fläche (oder eine näher zum Zentrum hin sich erstreckende Fläche) für die positive Zusatzwirkung oder die Kontrastminderung durch den Wirkungsbereich erreicht wird.
Damit kann mit einem einzigen Grunddesign für das Brillenglas ein sehr großer Bereich unterschiedlicher Werte der Primärbrechkraft (also unterschiedlicher Sehschwächen) mit zumindest näherungsweise gleichbleibend verlässlicher Balance zwischen Verträglichkeit und Myopie-Stopp-Effekt erreicht werden. Dies war bei herkömmlichen Brillengläsern und deren Berechnungs-, Optimierungs- und Herstellungsverfahren nicht in gleichermaßen effizienter und verlässlicher Weise gewährleistet.