Verfahren zur Manipulation von Molekülen in einer Flüssigkeit unter Verwendung eines elektrischen Feldes
Präambel
Diese Erfindungsmeldung stößt in eine Lücke bisheriger biotechnologischer Verfahren und Geräte der elektrochemischen Beeinflussung von Molekülen (Aktorik). Klassische Verfahren verwenden elektrostatische Anziehungskräfte einerseits als Pumpe durch ein mechanisch hergestelltes Sieb (Elektrophorese), zur Fixierung von Molekülen an bestimmten Orten (DNA- Chips) oder zur chemischen Charakterisierung von Molekülen (Sensorik). All diese Verfahren haben einen entscheidenden Nachteil : sie sind nicht skalierbar, da nur sehr wenige Elektroden bzw. Elektrodenbündel individuell steuerbar sind, bzw. die verwendeten Potentiostaten sehr teuer, groß und aufwendig herzustellen sind.
Technisches Anwendungsgebiet
Die Erfindung beschreibt Mittel zur elektrostatischen Manipulation (Transport, Zurückhaltung, Aufkonzentration, Lenkung) der Bewegung von Molekülen in einem mikrostrukturierten Kanalsystem, z.B. mikrostrukturierten Hybridbaustein (Kombination von Mikrofluidik und -elektronik), und zwar unter Verwendung diskreter vorgegebener Spannungen.
Diese Lenkung ist so gestaltet, dass die aktive Steuerung der Molekülbewegung in verschiedenen Einheiten (z.B. Kanälen) der Mikrofluidik unabhängig voneinander geschehen kann. Weiter ist diese Lenkung programmierbar und kann sowohl zeitlich als auch räumlich variieren.
Damit ergibt sich eine Reihe von Möglichkeiten.
Erstens erlaubt die beschriebene Erfindung, innerhalb eines Mikrofluidik- systems eine Vielzahl verschiedener Reaktionen parallel und unabhängig von- einander ablaufen zu lassen. Zweitens kann, da die Bewegungen der Moleküle innerhalb der Mikrofluidik durch zeitlich und räumlich konfigurierbare Felder gelenkt werden, ein bestimmter Typ eines Mikrofluidiksystems für verschiedene Zwecke genutzt, d.h. programmiert werden. Drittens muss die Lenkung der Moleküle nicht im Voraus bekannt sein, sondern kann von Zwischenresul- taten abhängig gemacht werden.
Damit eröffnen sich neue Wege bei Aufgabenstellungen aus der allgemeinen Biochemie, der chemischen und biochemischen Diagnostik, der Synthese neuer Substanzen und der adaptiven Kombination chemischer und informa- tionstechnischer Verfahren. Typische Anwendungen finden sich in der Pharmazie, der Diagnostik, der Verfahrens- und Umwelttechnik und der adaptiven Nanotechnologie.
Stand der Technik
Legt man zwischen die Elektroden in einer wässrigen Lösung ein elektrisches Feld an, so bildet sich in Gegenwart geladener Teilchen eine elektrische Doppelschicht aus, die je nach Teilchenart und -konzentration mehr oder weniger mächtig und feststehend ist. Man unterscheidet zwischen starrer und diffuser Doppelschicht. Bei hoher Konzentration vor allem starker Elektrolyte kommt es zu erheblicher Abschirmung der Elektroden und dadurch zu einer Verringerung des Feldes im Inneren der Lösung, so dass dessen Wirkung auf Teilchen (z.B. zum Zwecke des Transports derselben) reduziert ist.
Ferner setzt Elektrolyse mit Gasbildung an den Elektroden ein, wenn man einen bestimmten Potentialwert an den Elektroden überschreitet. Genaugenommen gelten aber diese Prozesse nur für den Gleichgewichtsfall, d.h. alle
Teilchen haben sich ausgerichtet und es gibt einen nennenswerten Durchtritt (Austauschstromdichte) durch die Doppelschichten.
Einige der heutigen Mikroreaktoren nutzen bereits elektrische Felder um Mole- küle an bestimmte Ort zu bringen (DNA-Chips), bzw. diese daran zu hindern, von einem Ort weg zu diffundieren. Diese Orte wurden bereits vor dem Einsatz mittels bestimmter Substanzen (z.B. kurzen DNA-Strängen) belegt, um auf Grund der Ortsinformation Schlüsse über die in der Flüssigkeit vorhandenen Stoffe zu bekommen. Weitere beschriebene Einsätze elektrischer Felder be- ziehen sich auf die Sortierung von Zellen im Fluss. Aktive Bewegung von Molekülen in Lösungen sind zwar in der Literatur beschrieben (z.B. Fuhr), aber noch nicht kommerziell erhältlich. Lediglich im Bereich der Elektrophorese in MikroStrukturen gibt es Anstrengungen Molekülmischungen durch die behinderte Bewegung in Gelen aufzutrennen und damit bestimmte gesuchte Mole- küle einer weiteren Bearbeitung verfügbar zu machen.
Nachteile der DNA-Chips sind die lediglich O-dimensionalen Anwendungen der Molekültraktion. Nachteile der bisher im Fluss aktiv bewegten Moleküle sind die kleine Anzahl der Elektroden, typischerweise kleiner 32. Diese kleine Anzahl resultiert daher, dass diese Elektroden mit genau eingestellten analogen Spannungspotentialen belegt werden, um a) eine optimale Traktion der Moleküle zu ermöglichen und b) die Bildung von Knallgas durch Elektrolyse zu verhindern. Die typischerweise dafür verwendeten Potentiostaten sind teuer und groß.
Aufgabe
Eine Aufgabe der Erfindung ist es, die Ansteuerung von Elektroden zur Erzeugung elektrischer Felder für die Manipulation wie z.B. den Transport von Molekülen bzw. Molekülkomplexen zu vereinfachen.
Lösung
Zur Lösung dieser Aufgabe wird mit der Erfindung ein digitales Ansteuerungs- verfahren für die Erzeugung elektrischer Felder zwischen zur Manipulation, insbesondere zum Transportieren, Zurückhalten und/oder Aufkonzentrieren, von Molekülen dienenden Elektroden vorgeschlagen, bei dem eine Ansteuerelektronik elektrische Ausgangspotenziale erzeugt, die eines von zwei diskreten Potentialen annehmen können, d.h. nicht an die jeweilige Elektrochemie angepasste oder kontinuierlich veränderbare Wer- te, die Ausgangspotenziale mit zeitlich beliebiger programmierter Dauer an die Elektroden angelegt werden, die Ausgangspotenziale von integrierten, digitalen elektronischen Schaltungen (Bauteilen) erzeugt werden und - die an die Elektroden angelegten Ausgangspotentiale in Abhängigkeit von der Form und dem Material der Elektroden, der Zusammensetzung der Flüssigkeit, der Beschaffenheit der Moleküle im Sekunden- bis Mikrose- kundenbereich liegt.
Weiterbildungen der Erfindung sind in den Unteransprüchen angegeben.
Nach der Erfindung werden zur Manipulation fest vorgegebene Digital- Spannungen an z.B. längs eines Mikrofluidikkanals aufeinander folgend angeordneten Elektroden angelegt. Diese Spannungen werden nicht dauerhaft son- dern gepulst angelegt. Die Impulsdauer, die Anzahl der Impulse pro Zeiteinheit und/oder die Form der Impulse ist dabei variabel und wird so eingestellt, dass auf die zu manipulierende Flüssigkeit bzw. Moleküle keinerlei unerwünschte Effekte, z.B. Elektrophorese ausgeübt werden.
Grundzüge des Lösungsweges
a) Digitalspannung
Der Ausgang eines digitalen Bausteins kann in der Regel nur die drei Zustände 0, 1, tristate -> Z, also etwa 0 Volt, z.B. 3,3 Volt (Vcc) oder hochohmig (inaktiv) annehmen. Die Ansteuerung eines Elektrodenpaares in einer Lösung mit geladenen Molekülen stellt jedoch elektrisch gesehen eine Anordnung aus zumindest Widerständen (die Leitung erfolgt mittels in der Flüssigkeit vorhan- dener Ladungsträger, in der Regel Ionen) und Kondensatoren (es können sich lokale Grenzschichten aufbauen, die dann die ohnehin vorhandenen Kapazitäten zusätzlich noch erhöhen) dar. Diese Tatsache führt dazu, das durch das zeitlich richtige Ein- und Ausschalten der digitalen Ausgänge der Ansteuer- Bausteine an den Elektroden quasi jede gewünschte Spannung zur Steuerung der Moleküle einstellbar ist (Tiefpassverhalten, D/A-Wandler). Durch Ausnutzen dieses Effekts reduziert sich der technische Aufwand zur Ansteuerung um ein Wesentliches. Das real wirkende elektrische Feld zwischen zwei derart angesteuerten Elektroden kann also in Stärke und Richtung nahezu beliebig zwischen Null und dem Maximum variieren. Dementsprechend ist auch die Wirkung des Feldes auf die Moleküle nahezu beliebig einstellbar.
b) Vielkanal
Durch die Verwendung hochintegrierter kommerzieller Digitalbausteine mit mehreren hundert Ausgangstreibern wird es nun möglich, entsprechend viele Elektrodenbündel unabhängig voneinander anzusteuern und damit sehr viele Reaktionskammern willkürlich mit Molekülen zu versorgen, bzw. diese aus den Reaktionskammern zu entfernen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Reaktionskammern nun auch als räumliche Kammern ausgebildet sind oder nur räumlich-temporär in sich bewegenden Flüssigkeitsströmen entstehen.
c) Aufgrund der Eigenladung der Moleküle bzw. der anhaftenden Ladungsträger sind die Kräfte, die auf diese Moleküle ausgeübt werden können, umso größer, je größer die von den Molekülen wahrgenommenen Feldstärken sind. Die maximalen Feldstärken sind allerdings durch die Trennung von Wasser- molekülen in seine Bestandteile begrenzt. Allerdings ermöglichen pulsierende Felder (das eigentliche Feld liegt nur kurze Zeit an den Elektroden an) die Moleküle trotzdem mit höheren Feldstärken anzutreiben. Die zeitliche Ablauf der Spannungsimpulse ist beliebig inhomogen und programmierbar. Dadurch wird bei entsprechender Einstellung eine Gasblasenbildung an den Elektroden ver- mieden. Das aufgrund von Elektrolyse doch noch entstehende Gas hat Zeit, von den Elektroden in die Lösung abzudiffundieren und stört nicht weiter. Für die Konstruktion der Elektrodengeometrien haben dabei die Inhomogenitäten, die an den Kanten der Elektroden entstehen, den positiven Effekt, dass die Spannungen sehr klein und damit im Bereich der durch heutige Digitaltechnik gegebenen Spannungsniveaus von Vcc bleiben können.
Verbesserungen und Vorteile gegenüber dem Stand der Technik
Der Vorteil der Erfindung bezieht sich auf die nun mögliche Skalierbarkeit und damit die Verfügbarmachung kombinatorischer Vielfalt bei den Reaktionswegen. Durch die nun möglichen hunderte bis tausende unabhängig gesteuerten Elektroden ergeben sich völlig neue Anwendungsfelder chemischer oder biochemischer Reaktionssysteme. Diese Vielfalt von Reaktionswegen kann unter klassischen Bedingungen in MikroStrukturen nicht erreicht werden, da eine individuelle Flusssteuerung auf Grund der dafür notwendigen räumlich ausgedehnten Ventile nicht möglich ist.
1. Man arbeitet mit programmierbaren "digitalen Feldern".
2. Die Pulsfolgen lassen sich an die Teilchensorten anpassen, so dass "elektrische Filter" und „Verstärker" herstellbar sind, die es erlauben, bestimmte Teilchenarten bevorzugt zu transportieren.
3. Die zeitliche Ansteuerung bestimmter Elektroden macht es möglich, an diesen die Eigenschaften der Lösungen, wie etwa den pH-Wert, in definierter Weise zu verändern. Dadurch können in unmittelbarer Nähe dieser Elektroden Reaktionsführungen gezielt geändert werden.
4. Die Felder lassen sich je nach Elektrodendesign und Feldstärke sehr inhomogen gestalten, so dass auch Moleküle mit überwiegenden Dipoleigenschaften transportiert und manipuliert werden können.
5. Die Elektroden können aufgrund der auf die Moleküle wirkenden Kräfte diese nicht nur aufkonzentrieren (fokussieren), sondern erlauben je nach Potential und Pulsführung auch die gezielte elektrochemische Reaktion dieser Teilchen an den Elektroden.
6. Die in Lösung befindlichen Teilchensorten des Puffers können dabei der Aufgabe entsprechend zusammengestellt werden.
Weitere positive Möglichkeiten ergeben sich ebenso: Die Elektroden können im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit durch elektrochemische Effekte verlieren (Ablagerungen etc.). Dem kann durch ein System von Reaktoren abgeholfen werden. Die Idee dabei ist, dass die Moleküle in einem Reaktor festgehalten werden. Dessen Elektroden werden auf eine (z.B. konstant negative) Spannung gehalten. Die anderen Elektroden werden gemäß einer anderen, ebenfalls zu spezifizierenden Impulsfolge gereinigt (angelagerte Moleküle werden abgestoßen etc.). Nach einer gewissen Zeit werden die Moleküle in einen nächsten Reaktor transportiert.
Ausführungsbeispiel
Die Erfindung wird nachfolgend anhand eines Ausführungsbeispiel unter Bezugnahme auf die Zeichnung näher erläutert. In dieser zeigen im einzelnen :
Fig. 1 eine Draufsicht auf ein beispielhaftes Layout für eine Elektrodenkombination längs einer H-förmigen Kanalstruktur wobei mit
1 ein Mikrochip zur Digital-Ansteuerung der Elektroden, mit
2 die Leiterbahnen zwischen dem Chip und den Elektroden, mit 3 Verbindungsleitungen vom Chip zu den Elektroden (über Stecker von außen oder auch auf dem Träger), mit
4 Leiterbahnen zu den Elektroden auf dem Trägersubstrat, mit
5 und 6 die Elektroden und mit
7 den Flüssigkeitskanal über bzw. unter den Elektroden bezeichnet, und
Fig. 2 eine beispielhafte Elektrodenbündelstruktur, wie sie im Layout gemäß Fig. 1 Einsatz finden kann.
In Fig. 1 ist beispielhaft das Layout einer Elektrodenkombination auf einem 6- Zoll-Wafer dargestellt. Die Abmessungen der einzelnen Elektroden sind z.B. 10μm und 20μm breite Elektroden der Länge z.B. 400μm. Der Elektrodenabstand in einem Bündel beträgt z.B. zwischen lOμm und 20μm. Die Leiterbahnbreite ist z.B. 9μm. Die Leiterbahnen und Elektroden selber bestehen z.B. aus einem Schichtsystem von Titan, Platin und als Auflage Gold und haben etwa eine Dicke von 300nm. Die sich daraus ergebenden elektrischen Widerstände bewegen sich im Bereich weniger lOOohm pro cm, welche aber bei den durch die Flüssigkeiten gegebenen Widerständen im unteren Megohmbereich keinen Einfluss auf die Spannungsverläufe an den Elektroden haben. Die Flüssigkeits- kanäle werden idealerweise senkrecht zu den Elektroden angebracht. Die E- lektroden sind deswegen so lang gezogen, da dadurch die Anzahl der möglichen Flüssigkeitskanalkombinationen drastisch erhöht wird. Die Flüssigkeitskanäle werden typischerweise in PDMS gefertigt, könnten aber auch genauso gut in Pyrex-Glas oder anderer strukturierbarer normalerweise durchsichtiger Ma- terialen gefertigt werden. Die im oberen Bildteil angebrachten Elektrodenbündel bilden die Form des Buchstabens "H". Moleküle, die entlang der H-Struktur strömen, können auf diese Weise im Verbindungskanal gefangen werden, ge-
zielt in den einen oder anderen Kanal entlassen werden oder aber auch mit dort immobilisierten Agenzien prozessiert werden. Skizzenhaft ist eine mögliche H-Struktur des Flüssigkeitskanals, der über den Elektroden liegt, angedeutet.
Im folgenden werden anhand von Fig. 2 beispielhaft zwei Elektrodenbündel beschrieben. Über die Streifenelektroden wird senkrecht ein Flüssigkeitskanal gelegt. Die Elektroden werden mit Rechteckimpulsen belegt. Mehrere im Flüssigkeitskanal verteilte Referenzelektroden werden mit einer höherfrequenten Rechteckspannung belegt, die dergestalt ist, dass das mittlere Spannungsniveau genau bei Vcc/2 eingestellt wird. Durch diese Arbeitspunkteinstellung ist es möglich mit nur zwei Spannungen (0V und Vcc) vier verschiedene Differenzspannungen zu erzeugen (0V, Vcc/2, -Vcc/2 und Vcc). Durch entsprechende Abfolge der Impulse werden geladene Moleküle gezielt durch An- und Abstoßung bewegt.