Verfahren und System zur computerimplementierten Gestaltung und/oder (Weiter)Entwicklung und/oder Auslegung und/oder Lebensdaueroptimierung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage
Die Erfindung betrifft ein Verfahren und System zur computerimplementierten Gestaltung und/oder (Weiter)Entwicklung und/oder Auslegung und/oder Lebensdaueroptimierung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage.
Insbesondere Maschinenelemente in Antriebssträngen von Walzwerken sind Verschleißteile, deren Verschleiß auf zahlreichen kontinuierlichen und diskontinuierlichen, regelmäßigen und sporadischen, vermeidbaren und unvermeidbaren Phänomenen beruht, die im Zusammenhang mit dem Walzprozess stehen. Beispiele sind Maxima der Drehmomente beim Einfädeln und Ausfädeln des Bandes, abwechselndes Greifen und Rutschen des Bandes, aber auch die kontinuierliche Belastung infolge der Deformation des Walzguts. Wird schließlich ein kritischer Verschleißbetrag erreicht, muss das Maschinenelement ausgewechselt werden. Bei einigen Maschinenelementen wie Rollen oder Walzen oder beispielsweise Zahnspindeln oder Zahnspindelhülsen von Walzenantrieben kann eine Reparatur bzw. Instandsetzung die Lebensdauer des Maschinenelements bei unveränderter oder verbesserter Leistungsfähigkeit verlängern.
Bei der konstruktiven Auslegung von Maschinenelementen hat der Konstrukteur in der Regel keine Informationen zum Zustandekommen der kontinuierlichen Reduzierung der Funktionalität infolge von Verschleiß. Häufig ist es so, dass die genaue Belastung des Maschinenelements beim betrieblichen Einsatz und insbesondere auch die Belastungshistorie sowie auch der aktuelle Zustand des Bauteils nicht oder nur unzureichend bekannt sind, sodass eine gezielte
Verbesserung oder Weiterentwicklung des Produkts bzw. des Maschinenelements deshalb nicht durchgeführt werden kann.
Der Erfindung liegt daher die Aufgabe zugrunde, ein Verfahren und ein System zur computerimplementierten Auslegung und/oder (Weiter)Entwicklung und/oder Gestaltung und/oder Lebensdaueroptimierung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage bereitzustellen, das diesem Nachteil Rechnung trägt.
Die Aufgabe wird gelöst durch ein Verfahren gemäß Patentanspruch 1 sowie durch ein System mit den Merkmalen des Patentanspruchs 15.
Vorteilhafte Ausgestaltungen der Erfindung ergeben sich aus den Unteransprüchen.
Nach einem ersten Gesichtspunkt der Erfindung wird ein Verfahren zur computerimplementierten Auslegung und/oder Gestaltung und/oder (Weiter)Entwicklung und/oder zur Lebensdaueroptimierung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage bereitgestellt, welches das Berechnen und/oder Bereitstellen wenigstens eines ersten Datensatzes, umfassend konstruktive Kenndaten des Maschinenelements aufgrund einer angenommenen Belastung und Lebensdauererwartung des Maschinenelements in einem betrieblichen Einsatz, das Erfassen der tatsächlichen Belastung und/oder der Fertigungshistorie des Maschinenelements während der Herstellung und der Belastungshistorie des Maschinenelements in der hüttentechnischen Anlage in Form von anwendungsbezogenen Messdaten und Informationen aus dem Herstellprozess und dem betrieblichen Einsatz des Maschinenelements und das Zurückführen und Verwendern der Messdaten zur Berechnung wenigstens eines zweiten veränderten Datensatzes mit konstruktiven Kenndaten, die unter Berücksichtigung der Einbausituation des Maschinenelements und/oder der fertigungs- und/oder anwendungsbezogenen Messdaten optimiert sind, umfasst.
Das Verfahren gemäß der Erfindung umfasst nach einem ersten Gesichtspunkt eine Verbesserung der statischen Auslegung des Maschinenelements, insbesondere werden durch das Verfahren gemäß der Erfindung mehr und verbesserte Sollwerte für die Herstellung des Maschinenelements bereitgestellt, die bei der Auslegung berücksichtigt werden und insbesondere den Vergleich von zulässiger und tatsächlicher Beanspruchung präziser machen.
Die zusätzliche Erfassung von Istwerten bei der Herstellung ermöglicht die Berechnung oder Ermittlung von Korrelationen dieser Werte mit einer Belastung im betrieblichen Einsatz. Der Einfluss der Variation der Istwerte des Maschinenelements ist auf diese Art und Weise sofort erkennbar, sodass das Verfahren gemäß der Erfindung eine zusätzliche Sicherheit bei der Gestaltung und/Auslegung des Maschinenelements vermittelt.
Der Begriff der Gestaltung bzw. Auslegung im Sinne der vorliegenden Erfindung ist dahingehend zu verstehen, dass das Verfahren sowohl eine Auslegung des Bauteils im engsten Sinne, d. h. bezüglich Materialwahl, Dimensionierung, Oberflächengestaltung, Wärmebehandlung etc. als auch eine vollständige Neugestaltung des Bauteils beispielsweise im Sinne einer Konturoptimierung oder dergleichen umfasst.
Ein weiterer Gesichtspunkt der Erfindung umfasst die dynamische Auslegung des Bauteils bzw. des Maschinenelements in dem Sinne, dass eine Erfassung und Auswertung von Daten des Betriebs und ein Abgleich mit den Annahmen der ursprünglichen, statischen Auslegung und insbesondere den Daten der Fertigung erfolgt. Das ermöglicht insbesondere aufgrund der Ermittlung einer tatsächlichen Lebensdauer und einer aktuell noch verbleibenden Restlebensdauer die Möglichkeit der Anpassung von Prozessgrößen und Grenzwerten beim betrieblichen Einsatz des Bauteils bzw. Maschinenelements als auch die Möglichkeit der Anpassung des Fertigungsprozesses.
Ein Gesichtspunkt der Erfindung betrifft die automatische Bauteiloptimierung bzw. automatische/automatisierte Weiterentwicklung des Maschinenelements.
Das erfindungsgemäß bereitgestellte Verfahren kann dahingehend zusammengefasst werden, dass dieses nach einem Gesichtspunkt eine quasi dynamische Auslegung und/oder Lebensdaueroptimierung und/oder (Weiter)Entwicklung und/oder Gestaltung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage unter Rückführung und entsprechender Verwendung von Informationen und Messdaten betreffend das Maschinenelement aus der Fertigung und/oder dem betrieblichen Einsatz bereitstellt. Mit den Messdaten aus dem betrieblichen Einsatz und/den Daten aus der Herstellung des Maschinenelements werden erfindungsgemäß die konstruktiven und weiteren Kenndaten des Maschinenelements vorzugsweise automatisiert angepasst und optimiert. Dies kann beispielsweise bezüglich eines bestimmten Maschinenelements auch wiederholt und iterativ erfolgen.
Das Verfahren gemäß der Erfindung betrifft sowohl die computerirnplementierte Auslegung und/oder Neugestaltung des Maschinenelements im Sinne einer Neuherstellung als auch die Lebensdaueroptimierung des Maschinenelements im Sinne einer Reparatur, Wartung oder Wiederherstellung.
Computerimplementiert im Sinne der vorliegenden Erfindung bedeutet, dass das Verfahren unter Zuhilfenahme von Computer Hardware und Software wenigstens teilautomatisiert durchgeführt wird.
Die Herstellung mechanisch hochbelasteter Maschinenelemente umfasst typischerweise zahlreiche Schritte bis zur Fertigung des Rohteils z.B. Erschmelzen, Gießen, Umformen, Wärmebehandeln, und schließlich zur Herstellung des fertigen Maschinenelements, z.B. durch Spanen mit geometrisch bestimmter Schneide, Spanen mit geometrisch unbestimmter Schneide, Schweißen, Wärmebehandeln. Für alle Schritte können die vorgegebenen
Kenngrößen (Sollwerte), die häufig die Qualität des Maschinenelements charakterisieren (z.B. Geometrie und Oberflächenbeschaffenheit), und die tatsächlich erreichten Werte (Istwerte) detailliert dokumentiert und die in der Regel umfangreichen, oftmals kontinuierlich anfallenden Messwerte (Verfahrensparameter wie z.B. Kräfte, Momente oder Vorschubgeschwindigkeiten) aufgenommen und gespeichert werden.
Diese Daten beinhalten Informationen bzw. lassen sich mit geeigneten Methoden in Informationen überführen, die einen unmittelbaren Einfluss verschiedener herstellungsbezogener Größen auf Belastung und Eigenschaften des Maschinenelements im späteren Betrieb aufzeigen und Wechselwirkungen und Korrelationen, die bis dahin unbekannt und unentdeckt waren, offenbar werden lassen.
Die genaue Geometrie und die Oberflächengestalt beeinflussen beispielsweise die im Betrieb auftretende Belastung. Die tatsächliche Werkstoffzusammensetzung und der Wärmebehandlungszustand beeinflussen z.B. die zulässige Belastung bzw. Belastbarkeit.
Die Daten können, vorzugsweise nachdem sie plausibilisiert und validiert und in relevante Informationen überführt wurden, dazu herangezogen werden, unter Berücksichtigung der konstruktiven Ausgestaltung einerseits und der angenommenen Belastung im Betrieb andererseits die Leistungsfähigkeit des Maschinenelements zu bewerten und wichtige diesbezügliche statische Kenngrößen wie die erwartete Lebensdauer quantitativ zu bestimmen. Dadurch verbessern sich Genauigkeit und Güte der Belastungsvorhersage im Rahmen der Auslegung im Vergleich zum Standardvorgehen, bei dem meist lediglich wenige Sollwerte aus dem Herstellungsprozess berücksichtigt werden.
Es kann, beispielsweise im Rahmen einer Parameterstudie, zudem ermittelt werden, wie sich eine Variation wichtiger Prozessgrößen der Fertigung auf die
Belastungsgrößen im Betrieb und die daraus errechneten statischen Kennwerte der Auslegung auswirkt. Als statische Kennwerte sind in diesem Zusammenhang solche aufzufassen, die unter Verwendung von Belastungsgrößen errechnet werden, die auf Annahmen beruhen oder die durch Anlagenlimits oder Prozessbeschränkungen vorgegeben sind und die nicht mit der tatsächlichen Beanspruchung im Betrieb verglichen und abgeglichen werden. Sind die statischen Kennwerte einmal berechnet, ändern sie sich nicht mehr.
Im Gegensatz dazu berücksichtigen dynamische Kennwerte die realen Belastungen im Betrieb, die von der Prognose abweichen oder die durch die Annahmen bei der Auslegung nur ungenau abgebildet werden können, und darüber hinaus möglicherweise die Belastungshistorie, die dazu führt, dass beispielsweise statt der errechneten Lebensdauer nur noch eine Restlebensdauer verbleibt.
Im Sinne der dynamischen Auslegung und/oder Lebensdaueroptimierung (d.h. z.B. Ermittlung von Sicherheitsfaktoren im Rahmen des rechnerischen Festigkeitsnachweises) wird ebenfalls möglichst umfassend und lückenlos erfindungsgemäß der spätere Betrieb des Maschinenelements innerhalb einer hüttentechnischen Anlage erfasst.
Die Erfassung und Auswertung der Messdaten mit geeigneten Methoden und Modellen und der Abgleich mit den Kenngrößen und Messdaten aus der Fertigung des Maschinenelements gestatten die Überführung der statischen Kennwerte aus der Herstellungsphase in dynamische und aktuelle Kennwerte, die für den jeweiligen Betrieb und damit den konkreten Anwendungsfall gültig sind.
So können z.B. tatsächliche Lebensdauern und aktuelle Restlebensdauern berechnet werden, aber auch Grenzwerte hinsichtlich der Belastung der Maschinenelemente, die bei der Produktion eingehalten werden müssen, können an den tatsächlichen Zustand des Maschinenelements und den tatsächlichen
Ablauf des Prozesses angepasst werden und können zudem in definierter Weise überschritten werden, wenn die damit verbundene und jederzeit bekannte Verminderung von Sicherheit und/oder Lebensdauer akzeptabel ist.
Umgekehrt können besonders wichtige, teure oder schwer zu beschaffende oder auszutauschende Maschinenelemente in gewissen Grenzen zu Ungunsten anderer Maschinenelemente entlastet werden, wenn präzise Informationen zur aktuell auftretenden und zur aktuell zulässigen Belastung vorliegen.
Vorzugsweise umfasst das Verfahren gemäß der Erfindung das Verändern der für die Berechnung und/oder Bereitstellung der konstruktiven Kenndaten angenommenen Randbedingungen sowohl bei der Herstellung als auch im Betrieb bei einer festgestellten Abweichung zwischen den angenommenen Randbedingungen und einer aus den Messdaten und/ oder aus erlangten Informationen bezüglich der tatsächlichen Parameter und Belastungen während des Herstellungsprozesses und des Betriebs sowie das Berechnen und/oder Vorgeben optimierter konstruktiver Kenndaten unter Berücksichtigung der tatsächlichen Belastung. Diese optimierten Kenndaten wurden vorstehend auch als dynamische Kenndaten oder Kennwerte bezeichnet.
Es ist also möglich, wichtige Prozessgrößen so anzupassen, dass die Belastung des Maschinenelements der im Rahmen der Auslegung ermittelten Vorhersage entspricht oder dass sie gezielt höher oder niedriger ausfällt, wenn dadurch beispielsweise Maschinenelemente entlastet oder prozessbezogene oder das Produkt betreffende Ziele erreicht werden können. Dabei kommt der genauen Kenntnis der Istwerte bzw. vorgegebenen oder berechneten Kenndaten aufgrund angenommener Belastung sowie dem Vergleich mit den Messwerten aus dem betrieblichen Einsatz und vor allem der Abweichung von Sollwerten und Istwerten eine große Bedeutung zu.
Die einzelnen Verfahrensschritte werden vorzugsweise in der Reihenfolge ihrer Aufzählung durchgeführt und können gegebenenfalls wiederholt werden, um eine iterative Optimierung des Maschinenelements zu erzielen.
Vorzugsweise werden die Messdaten auf der Basis physikalischer Modelle und/oder künstlicher Intelligenz plausibilisiert und/oder validiert.
Das Verfahren kann weiterhin den Verfahrensschritt der Konturoptimierung des Maschinenelements aufgrund der erfassten tatsächlichen Belastung und/oder Belastungshistorie des Maschinenelements im betrieblichen Einsatz umfassen.
Das Verfahren kann weiterhin zusätzlich oder alternativ einen oder mehrere der Schritte der Optimierung des Maschinenelements hinsichtlich der Oberfläche, des verwendeten Werkstoffs, und einer Wärmebehandlung des Maschinenelements umfassen.
Bei einer Variante des Verfahrens gemäß der Erfindung ist eine automatisierte Überprüfung von gegebenen Annahmen und/oder oder Ableitung von neuen Annahmen für die Auslegung des Maschinenelements und/oder den Aufbau neuer Zusammenhänge zwischen den für die Auslegung des Maschinenelements relevanten Größen vorgesehen.
Das Verfahren gemäß der Erfindung kann in einer Variante den Verfahrensschritt einer gezielten Variation der Belastung des Maschinenelements im betrieblichen Einsatz zur Vergrößerung der Datenbasis der Messdaten umfassen. Dabei kann beispielsweise eine gezielte Überschreitung von Grenzwerten/Belastungsgrenzwerten des Maschinenelements im betrieblichen Einsatz vorgesehen sein, um eine Prozessoptimierung hinsichtlich Bauteil, Prozess und Produkt (Walzerzeugnis) zu erzielen.
Die Plausibilisierung und/oder Validierung der Messdaten und/oder der Verfahrensschritt der Konturoptimierung und /oder die weiteren Optimierungsschritte werden vorzugsweise unter Anwendung von Verfahren durchgeführt, die auf Methoden des maschinellen Lernens basieren.
Auch die Berechnung und/oder Vorgabe veränderter konstruktiver Kenndaten kann unter Anwendung von Verfahren durchgeführt werden, die auf Methoden des maschinellen Lernens basieren.
Das Verfahren gemäß der Erfindung umfasst die Möglichkeit, über die Aufnahme umfassender Daten und ihre Überführung in relevante Informationen Änderungen am Maschinenelement vorzunehmen und dadurch seine Leistungsfähigkeit zu steigern und seine Funktionalität zu erweitern. Die Verknüpfung von Daten aus Herstellung und Betrieb mit denen, die den aktuellen Zustand des Maschinenelements charakterisieren, kann neben einer genaueren Auslegung der Maschinenelemente auch eine Optimierung der konstruktiven Gestaltung gestatten.
Wenn beispielsweise auf der Basis einer Messung eine Konturoptimierung vorgenommen wird, können dadurch die auf das Maschinenelement einwirkenden Spannungen reduziert werden. Als Beispiel einer derartigen Messung kann die Ermittlung des verschleißbedingten Materialabtrags im Bereich einer Zahnspindelhülse genannt werden, der unmittelbar im Kontakt mit einem Walzenzapfen steht. Als Resultat der Messung und anschließender Auswertung und Bewertung des zugrundeliegenden Mechanismus kann zum Beispiel die Geometrie einer Funktionsfläche der Zahnspindelhülse verändert werden. Die Komplexität des Vorgehens nimmt zu, wenn stattdessen mehrere oder sogar zahlreiche Messungen mittels geeigneter Methoden gemeinsam ausgewertet und mehrere oder sogar zahlreiche Maßnahmen zur Maschinenelementoptimierung mittels geeigneter Methoden daraus abgeleitet werden.
Mittels geeigneter Methoden und spezieller Berechnungsverfahren kann auf der Basis physikalischer Modelle und/oder künstlicher Intelligenz der Einfluss von Prozessgrößen und Anlageneinstellungen auf die Maschinenelementbelastung im Betrieb, der im Rahmen der Auslegung des Maschinenelements berechnet wird, verifiziert und präzisiert werden. Dazu werden vorzugsweise zusätzlich zu den direkt gemessenen oder mit Hilfe von Prozessmodellen, beispielsweise einer Walzanlage, wie einem Stichplanmodell oder dem Profil-, Kontur- und Planheitsmodell ermittelten Größen wie Walzkraft oder Temperatur, weitere Größen gemessen bzw. ermittelt, die direkte Rückschlüsse auf die Belastung des Maschinenelements zulassen. Das kann zum Beispiel eine aktuelle Vermessung von Geometrie und/oder Oberfläche oder eine lokale Messung von Kräften oder Spannungen sein. Mit zusätzlichen Messungen, die beispielsweise eine direkte Aussage über den Verschleißzustand oder eine indirekte rechnerische Ermittlung der Restlebensdauer erlauben, kann ferner ebenfalls mittels Methoden und Berechnungsverfahren auf der Basis physikalischer Modelle und/oder künstlicher Intelligenz der Zusammenhang zwischen den oben genannten Einflussgrößen und der damit korrelierten Belastung einerseits und Maschinenelementzustand und Sicherheit bzw. Lebensdauer andererseits ermittelt werden. Auch diese beiden Arten von Messungen verbessern die Qualität der Auslegung und ermöglichen die Überprüfung wichtiger Annahmen, wie beispielsweise den Zusammenhang zwischen Belastungsgrößen und Verschleiß des Maschinenelements, und den Aufbau neuer Korrelationen.
Der Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen oder dem maximalen Drehmoment, das ein Maschienenelement, wie beispielsweise eine Zahnspindelhülse überträgt, einerseits und dem Verschleiß der innenliegenden Flächen der Zahnspindelhülse, die sich im Kontakt mit dem Zapfen der Arbeitswalze befinden, andererseits, ist ein Zusammenhang, der zunächst mit Annahmen abgeschätzt werden kann. Dieser Verschleiß kann zum Ausfall und damit dem Ende der Lebensdauer der Zahnspindelhülse führen. Das Verfahren gemäß der Erfindung ermöglicht es, diese Annahmen durch Abgleich der
erfassten und/oder gemessene Daten zu verbessern. Der Zusammenhang zwischen charakteristischen Größen und Parametern bei der Herstellung des Maschinenelements und seiner späteren Belastung im Betrieb ermöglicht erfindungsgemäß die Verbesserung bereits getroffener Annahmen oder die Bereitstellung neuer Zusammenhänge oder Annahmen.
Der Zusammenhang zwischen charakteristischen Größen und Parametern bei der Herstellung des Maschinenelements und seiner späteren Belastung im Betrieb, der bisher oft nicht im gleichen Maße bekannt ist wie der zwischen charakteristischen Größen und Parametern im Betrieb und der Belastung im Betrieb, lässt sich ebenfalls mittels Methoden und Berechnungsverfahren auf der Basis physikalischer Modelle und/oder künstlicher Intelligenz analysieren und analog zu der oben dargestellten Vorgehensweise verifizieren.
Beispiele für derartige künstliche Intelligenzen sind neuronale Netzwerke, adaptive Algorithmen, evolutionäre Algorithmen, genetische Algorithmen, oder dergleichen. Aus dem Stand der Technik bekannte Beispiele sind u.a.: Bayes’sche Zuverlässigkeitsnetzwerke (Bayesian belief network), Entscheidungsbäume (decision tree), sog. hidden Markov-Modelle, fallorientierte Überlegung (case- based reasoning), k-nächste Nachbarn, sich selbst organisierende Karten (selforganizing maps), fallorientiertes Lernen (instance-based learning), Stützvektormaschinen (Support Vector Machine), künstliche Neuronale Netzwerke (ANN: Artificial Neural Network), rekurrente neuronale Netze (RNN: recurrent neural network), tiefe neurale Netze (DNN: deep neural network) oder faltende neuronale Netze (CNN: convolutional neural network). Auch jede denkbare Kombination aus derartigen Ausbildungen kann zum Einsatz kommen.
Die umfassende Datenlage und die Auswertung der Daten mit z.B. analytischen und numerischen Methoden gestatten eine Prozessoptimierung hinsichtlich des Maschinenelementes, in dem gleichen Maße aber auch hinsichtlich des Prozesses, z.B. Stabilität, Ausbringung, Einsatz von Legierungselementen und
Energie, Verwendung von Einsatzstoffen, und Produkt, z.B. Eigenschaften, Qualität, Reproduzierbarkeit. So können Anlagenlimits und prozessbedingte Grenzwerte bei Kenntnis der aktuell zulässigen Belastung des Maschinenelements verschoben werden, was dem Betreiber der Anlage Freiräume bei der Produktion schaffen kann oder die Qualität des Produkts steigern kann. Das kann beispielsweise in einem Warmwalzwerk der Fall sein, wenn größere (oder auch kleinere) Stichabnahmen und/oder höhere oder niedrigere Temperaturen angewendet und dadurch Legierungselemente eingespart oder bessere Produkteigenschaften erreicht werden können.
Die direkt gemessenen oder durch Auswertung erlangten Informationen lassen sich erfindungsgemäß nutzen, um ein Bauteil weiterzuentwickeln. Darüber hinaus kann die Bauteiloptimierung auch automatisiert durchgeführt werden, indem mit Hilfe geeigneter Regeln und Algorithmen oder hochkomplexer dynamisch und iterativ arbeitender Modelle die notwendigen Änderungen am Bauteil initiiert werden. Während Änderungen am Prozess zur Veränderung der Belastung sofort vorgenommen werden können, müssen Änderungen am Bauteil zur Reduzierung der auftretenden oder zur Erhöhung der zulässigen Belastung beim oder durch den Hersteller von Bauteil und Anlage durchgeführt werden. Sie können aber automatisch ausgelöst werden, und auch der Bestellvorgang und der eigentliche Entwicklungsprozess können bei Vorhandensein von Infrastruktur und geeigneten Entwicklungswerkzeugen automatisiert vorgenommen werden. Schließlich kann das erfindungsgemäße verfahren genutzt werden, um auf Basis der tatsächlichen Belastung kundenspezifische Bauteile zu entwerfen und herzustellen. Diese tragen der realen Fahrweise der betrieblichen Anwendung des Kunden und damit der tatsächlichen Belastung der Bauteile Rechnung und sind individuelle Lösungen, die von anderen Lieferanten mechanischer Bauteile nur schwer verwirklicht werden können.
Vorzugsweise sind die Kenndaten bzw. Kenngrößen der Herstellung ausgewählt aus einer Gruppe von Daten umfassend Materialkennwerte und/oder
Materialzusammensetzung, Oberflächenbeschaffenheit, sowie die geometrischen Abmessungen und Konturen des Maschinenelements.
Vorzugsweise sind die Messdaten aus dem betrieblichen Einsatz des Maschinenelements ausgewählt aus einer Gruppe von Daten umfassend die tribologischen Kennwerte des Maschinenelements in der spezifischen Einbausituation, Temperaturen, Drehmomente, Drehzahlen und statische Belastungen.
Bevorzugt werden die Messdaten zumindest teilweise aus einem Prozesssteuerungs- und Leitsystem einer Stahlwerksanlage oder einer Stranggießanlage oder eines Glühofens oder einer Feuerverzinkungslinie oder einer Walzstraße oder einer Bandbehandlungsanlage oder einer Schmiedeanlage oder einer Gieß-Walzanlage in eine Einrichtung zur computergestützten Konstruktion von Maschinenelementen rückgeführt und zur Optimierung der Kenndaten bzw. Kenngrößen des Maschinenelements verwendet.
Bevorzugt ist das Maschinenelement ausgewählt aus einer Gruppe von Maschinenelementen umfassend die Walzen eines Walzwerks, Rollgangsrollen eines Walzwerks, Linearführungen von Rollgängen, Walzgerüsten, und Stauchgerüsten sowie Antriebswellen und Getriebeteile und Zahnspindeln von Walzgerüsten
Die Erfindung umfasst weiterhin ein System zur Gestaltung/und oder Auslegung und/oder Lebensdaueroptimierung und/oder Weiterentwicklung von Maschinenelementen einer hüttentechnischen Anlage umfassend wenigstens eine Einrichtung zur computergestützten Konstruktion von Maschinenelementen und Mittel zum Messen, Erfassen und Speichern von Betriebsdaten aus dem betrieblichen Einsatz des Maschinenelements, wobei das System dazu eingerichtet ist, das vorstehend beschriebene Verfahren durchzuführen.
Die Erfindung wird nachstehend anhand eines Ausführungsbeispiels und unter Bezugnahme auf die beigefügten Zeichnungen erläutert.
Es zeigen:
Figur 1 eine perspektivische Darstellung einer Fertigstraße einer Walzanlage als hüttentechnische Anlage,
Figur 2 eine perspektivische Darstellung der Antriebsseite eines Walzgerüsts mit Teilen des Antriebs als nach dem Verfahren auszulegende Maschinenelemente,
Figur 3a einen Querschnitt durch eine Zahnspindelhülse als Maschinenelement und
Figur 3b einen perspektivischen Längsschnitt durch die Zahnspindelhülse.
Die Erfindung wird im Folgenden anhand einer Weiterentwicklung von Zahnspindelhülsen 1 als Maschinenelemente von Antriebssträngen für Walzgerüste F1-Fn einer Fertigstraße 2 einer Warmwalzanlage für Stahl beschrieben. Die Fertigstraße 2 umfasst in bekannter Art und Weise eine Vielzahl von einzelnen Walzgerüsten F1 - FN, welche Teil der Warmwalzanlage als hüttentechnische Anlage sind.
Eine solche Fertigstraße 2 kann beispielsweise bis zu acht Walzgerüste F1-Fn umfassen, welche jeweils mittels Antrieben 3 über Zahnspindeln 4 als Antriebswellen angetrieben werden. Die Zahnspindelwellen 4 sind jeweils seitlich über Zahnspindelhülsen 1 mit einem Getriebe 5 verbunden und Teil des Antriebsstrangs für die Walzgerüste F1-Fn. Auf der Antriebsseite der Walzgerüste
F1-FN sind eine obere Arbeitswalze 6 und eine untere Arbeitswalze 7 über einen Arbeitswalzenzapfen 8 mit einer Zahnspindelhülse 1 mit der betreffenden Zahnspindelwelle 4 verbunden, wobei die Zahnspindelwelle 4 mit einer umlaufenden Verzahnung 9 in eine entsprechende Verzahnung der Zahnspindelhülse 1 eingreift. Auf der der Verzahnung 9 gegenüberliegenden Seite der Zahnspindelhülse 1 ist diese mit einem zu dem Arbeitswalzenzapfen 8 komplementär ausgebildeten Querschnittsprofil versehen.
Für die Belastung der Zahnspindelhülse 1 relevante und sich über den Verlauf der Fertigstraße 2 ändernde Prozessgrößen sind unter anderem die Drehzahl n und das Drehmoment M, die sich beispielsweise von den Walzgerüsten F1 bis F7 wie folgt ändern können:
Walzgerüst F1 F2 F3 F4 F5 F6 F7 n [Upm] 21 46 81 114 148 179 196
M [kNm] 2430 1460 770 340 250 150 70
Bedingt durch die Dickenabnahme des Walzguts erhöht sich die Drehzahl der Arbeitswalzen von einem stromaufwärts angeordneten Walzgerüst F1 bis zu einem stromabwärts angeordneten Walzgerüst F7 signifikant, wie aus der vorstehenden Tabelle zu erkennen ist. Dementsprechend nimmt das Drehmoment M ab.
Die Belastung der Zahnspindelhülse 1 bei der betrieblichen Anwendung ist auch von der Einbausituation abhängig, beispielsweise je nachdem ob die Zahnspindelhülse 1 gerüstseitig oder getriebeseitig mit der Zahnspindelwelle 4 verbunden ist oder ob diese in dem Antriebsstrang einer oberen Arbeitswalze 6 oder einer unteren Arbeitswalze 7 angeordnet ist. Die entsprechenden Daten, die in Form von Messdaten bereitgestellt werden können, und die Information in
welchem Gerüst F1 bis F7 der Fertigstraße 2 die betreffende Zahnspindelhülse 1 angeordnet ist, sind für die Lebensdaueroptimierung der Zahnspindelhülse wichtig. Mithilfe einfacher Sensoren lässt sich die Position und Drehrichtung der verschiedenen Zahnspindelhülsen 1 in der Fertigstraße 2 ermitteln. Eine Auswertung der von den Sensoren gelieferten Messdaten liefert außerdem die Information, ob die betreffende Zahnspindelhülse 1 immer an der gleichen Stelle eingesetzt wird oder ob sie innerhalb des Walzgerüsts F1-Fn an der anderen Position oder in einem anderen Walzgerüst F1-Fn eingebaut und betrieben wird.
Einerseits lassen sich wesentliche Belastungsdaten für die Zahnspindelhülse wie Drehzahl, Geschwindigkeit, Walzkraft und Walzmoment abschätzen. Andererseits können Drehzahl und Geschwindigkeit mit Hilfe weiterer Sensoren auch gemessen werden. Die Werte der Walzkraft und des Drehmoments können alternativ oder zusätzlich den Automatisierungssystemen bzw. einer übergeordneten Prozesssteuerung der Walzanlage oder entsprechenden Datenbanken entnommen werden.
Die gemessenen oder anderweitig ermittelten Werte werden für die gesamte Betriebsdauer jeder einzelnen Zahnspindelhülse 1 zugeordnet. So entsteht für jede Zahnspindelhülse 1 eine individuelle Belastungshistorie als Belastungskollektiv mit allen verfügbaren und relevanten Messdaten als Funktion der Zeit.
Das Belastungskollektiv wird als Grundlage für die Auslegung verwendet.
Zahnspindelhülsen 1 , die immer am gleichen Ort eingesetzt werden, müssen der dort auftretenden Belastung dauerhaft oder für einen definierten Zeitraum standhalten können. Zahnspindelhülsen 1 , die hohen Kräften und Momenten ausgesetzt sind, können anders ausgeführt werden als solche, die bei niedrigen Lasten betrieben werden. Zahnspindelhülsen 1 , die bei hohen Drehzahlen betrieben werden, können anders ausgeführt werden als langsam laufende Zahnspindelhülsen.
Für Zahnspindelhülsen 1 , die an beiden Positionen innerhalb mindestens eines Gerüstes eingesetzt werden, wird berücksichtigt, dass die Beanspruchung aufgrund des Wechsels der Drehrichtung wechselnder statt schwellender Natur ist und die zulässige Belastung dadurch bei unveränderter konstruktiver Ausführung sinkt.
Erfindungsgemäß werden die wichtigsten Kriterien, Richtlinien und Algorithmen der Auslegung in einer entsprechenden Software, die auf Methoden des maschinellen Lernens beruht, hinterlegt. Diese Software wird entsprechend trainiert, dass die individuelle Auslegung des Maschinenelements, insbesondere der Zahnspindelhülse 1 automatisiert und ohne Eingriffe eines Konstrukteurs abläuft.
Das Belastungskollektiv kann in einem nächsten und weiteren Verfahrensschritt als Grundlage für eine optimal auf den jeweiligen Anwendungsfall abgestimmte, individuelle Weiterentwicklung der Zahnspindelhülse 1 angewandt werden.
Zahnspindelhülsen 1 , die immer am gleichen Ort eingesetzt werden, müssen den dort auftretenden Belastungen dauerhaft oder für einen definierten Zeitraum standhalten können. Zahnspindelhülsen 1 , die hohen Kräften und Momenten ausgesetzt sind, werden mit dem Verfahren größer dimensioniert. Diese können mit einer weiterentwickelten und dadurch verbesserten Geometrie der Verzahnung 9 und/oder der Walzenzapfenaufnahme ausgestattet werden.
Zahnspindelhülsen 1 , die bei hohen Drehzahlen betrieben werden, können andere konstruktive Ausgestaltung aufweisen und aus anderen Werkstoffen und auf anderen Fertigungswegen hergestellt werden als langsam laufende Zahnspindelhülsen 1 .
Zahnspindelhülsen 1 , die in verschiedenen Walzgerüsten F1-Fn eingesetzt werden, werden erfindungsgemäß gezielt auf ihr heterogenes und komplexes Belastungsszenario hin optimiert.
Für Zahnspindelhülsen 1 , die lediglich an einer Position innerhalb eines Walzgerüstes F1-Fn eingesetzt werden, kann eine schwellende Belastung statt einer wechselnden angenommen werden, vor allem aber kann eine asymmetrische Zahnform für die Verzahnung 9 gewählt werden. Diese hat eine Beschränkung auf eine Drehrichtung zur Folge, in dieser Richtung lassen sich aber dann höhere Drehmomente übertragen. Werden keine höheren Drehmomente benötigt, kann eine kleinere und günstigere Baugröße gewählt werden.
Insbesondere für Zahnspindelhülsen 1 , die in verschiedenen Walzgerüsten F1-Fn eingesetzt werden, aber auch für alle anderen Zahnspindelhülsen, kann die datengestützte Belastungsanalyse ergeben, dass eine technisch optimale oder eine wirtschaftlich günstige Auslegung oder Ausführung aufgrund der Belastungssituation bzw. der Belastungshistorie nur schwer zu erreichen ist. Dann können von der Software alternativ Vorschläge für einen veränderten Betrieb unterbreitet werden oder automatisch umgesetzt werden. Das kann einerseits bedeuten, dass das Walzgerüst, in dem sich die Zahnspindelhülse 1 gerade befindet, hinsichtlich der kritischen Größen entlastet wird, oder andererseits, dass die Zahnspindelhülse 1 in einem bestimmten Walzgerüst F1-Fn eingesetzt wird, nicht aber in einem anderen.
Weiterhin kann bei dem Verfahren eine computergestützte Analyse aller Belastungshistorien und aller Maßnahmen, Ableitung und manuelle oder automatisierte Anwendung von Konstruktionsprinzipien, ggf. unter Berücksichtigung von Kundenvorgaben als zusätzliche Randbedingungen vorgesehen sein.
Bezuqszeichenliste
1 Zahnspindelhülse
2 Fertigstraße
3 Antriebe
4 Zahnspindeln
5 Getriebe
6 obere Arbeitswalze
7 untere Arbeitswalze
8 Arbeitswalzenzapfen
9 Verzahnung
F1-Fn Walzgerüste n Drehzahl
M Drehmoment